Arbeitsmarkt USA
Jubelsturm für einen Arbeitsplatz

Arbeitslose in Kalifornien warten sehnsüchtig auf die von Präsident Obama angekündigten neuen Jobs. Schon die Wirtschaftskrise hat den Bundesstaat besonders hart getroffen. Nun schwächelt die High-Tech-Branche.
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San FranciscoWie jeden Sonntag ergreift Pastor Mark Smallcombe das Mikrofon im gut gefüllten Saal der Kirchengemeinde C3 in Downtown San Francisco. Aber diesmal ist etwas anders. „Bevor ich mit der Predigt beginne“, wendet er sich an die Gemeinde, „gibt es etwas Fantastisches zu berichten. Eines unserer Mitglieder hat vergangene Woche nach langer Zeit einen neuen Job bekommen.“ Applaus brandet auf, dazwischen spontane „Yeah“-Rufe. Im Gottesdienst später wird für neue Jobs und sichere Arbeitsplätze gebetet: „Man muss Menschen Mut machen“, sagt Smallcombe. Gute Nachrichten sind heute rar.

Kalifornien sollte Barack Obamas Vorzeigeland werden, mit Aufschwung durch Internet und grüne Technologie. Doch wenn der US-Präsident den mit 36 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat Ende September besucht, wird der Empfang frostig ausfallen. Die Arbeitsmarktsituation im „Golden State“ ist so desolat wie selten, stellt das California Budget Project (CBP) in einer Studie fest. Start-Ups und Hightech-Firmen im Norden können die Arbeitsplatzverluste in anderen Regionen nicht mehr ausgleichen, im Gegenteil: Jetzt beginnen erste High-Tech-Konzerne selbst zu schwächeln.

Das Online-Schnäppchenportal Groupon musste seinen Börsengang auf Eis legen. Der Netzwerkausrüster Cisco, einer der größten Arbeitgeber im Silicon Valley, hat angekündigt, mehr als 6 500 Stellen zu streichen. Zu Wochenbeginn meldete auch noch die Solarfirma Solyndra Insolvenz an, 1 100 Mitarbeiter stehen auf der Straße. Noch im Vorjahr hatte Obama Solyndra als Vorzeigeprojekt für den Zukunftstrend „Greentech“ gelobt. Das ist Vergangenheit.

Die Beschäftigungsrate in Kalifornien hat ein historisches Tief erreicht. Nur 55 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter hatte im Juli einen Job, zeigt die Studie des CBP. Die Krise 2007 hat rund 1,4 Millionen Stellen gekostet, nur 226 800 wurden seitdem zurückgewonnen. Inzwischen werden auch im öffentlichen Bereich Arbeitsplätze ausradiert, weil Kalifornien, das Griechenland Amerikas, bedrohlich am Rande der Pleite manövriert. Das aktuelle Haushaltsdefizit beträgt 26 Milliarden Dollar. Die Kaufkraft privater Haushalte sinkt, die Kluft zwischen Arm und Reich weitet sich aus. Die Stundenlöhne bei Geringverdienern sind seit 2006, dem Jahr vor Beginn der Krise, inflationsbereinigt gesunken. Und das bereinigte Bruttoeinkommen im kalifornischen Mittelstand, so die Studie von CBP, liegt auf dem tiefsten Wert seit 1987. Nur die Topverdiener legten zu.

Wie knapp das Geld ist, zeigt sich in den vielen Arbeiterkneipen. „Kaum einer gibt noch Trinkgeld“, sagt Bartenderin May resigniert und wischt mit dem Lappen gedankenverloren über die abgewetzte Theke der Eckkneipe im Problembezirk Tenderloin. Die Dollars für das Feierabendbier liegen abgezählt auf dem Tresen, Wechselgeld wird bis auf den letzten Dime sorgfältig eingesammelt. Für die alleinerziehende Frau ist das eine Katastrophe. Das Trinkgeld ist fest eingeplanter Bestandteil ihres Gehalts.

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Jubelsturm für einen Arbeitsplatz

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Die Mieten in den Metropolen steigen rasant

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