Arbeitsmarkt
Weises Agenda 2009

Frank-Jürgen Weise, Vorstandsvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, hat die größte Sozialreform der deutschen Geschichte umgesetzt. Nun droht die Wirtschaftskrise den Arbeitsmarkt zu verwüsten – ein Stresstest für den neuen Sozialstaat.
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BERLIN. Der Tag, an dem der Sozialstaat Deutschland, Abteilung Arbeitslosigkeit, von einer vernichtenden Botschaft heimgesucht wird, beginnt für Frank-Jürgen Weise in einem karg möblierten Büro in Berlin-Mitte ohne besondere Vorkommnisse. Sein Schreibtisch in der Berliner Niederlassung der Bundesagentur für Arbeit, erster Stock, ist leergearbeitet, der Anzug sitzt, das weiße Hemd, die Krawatte, alles am rechten Platz, er selbst macht den Eindruck, als sähe es in ihm ganz ähnlich aus. Er ist bestens vorbereitet, wie immer, hat seine Argumente sortiert, die entsprechenden Zahlen parat.

Es ist Mittwochmorgen, Ende April. In zwei Stunden erwartet ihn Angela Merkel. Die Kanzlerin hat die wichtigsten Minister und Wirtschaftsbosse ins Kanzleramt einbestellt. Es geht darum, wie Deutschland den Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner gewinnen kann: die Krise.

Weise hat einen der heikelsten Jobs, die das Land zu vergeben hat. Er ist Chef der Bundesagentur für Arbeit und damit Herr über eine Zahl, die die Deutschen zunehmend beunruhigt. Eine Millionenzahl, die ihnen Hinweise darauf gibt, ob diese Krise Deutschland verwüstet oder ob sie noch hoffen dürfen, irgendwie glimpflich davonzukommen. Wenn Weise, wie heute, einmal im Monat in einem Klotz aus Glas und Beton in Nürnberg, der Zentrale der Bundesagentur, vor eine fernsehfreundliche blaue Wand tritt, gibt er bekannt, wie die Zahl sich entwickelt: die Arbeitslosenstatistik. Solange eine Drei vor dem Komma steht, gewinnt Weise etwas Zeit. Steigt die Zahl in Richtung vier Millionen oder darüber, nimmt die Angst zu.

Weise sagt, es werde vielleicht nicht mehr lange dauern. Sein Werk ist in Gefahr. Er hat fertiggebracht, was kaum jemand für möglich hielt. Er hat die größte Sozialreform der deutschen Geschichte umgesetzt, Hartz I bis IV.

Als er im Februar 2004 das Amt antrat, übernahm er eine Riesenbehörde, deren Haushalt der Staat jedes Jahr mit fünf Milliarden Euro ausgleichen musste. Im Frühjahr 2005 war Weise der "Fünf-Millionen-Mann", der der Republik die höchste Arbeitslosigkeit verkünden musste. Seither ist die Zahl der Arbeitslosen gesunken und gesunken, Ende 2008 waren es für kurze Zeit weniger als drei Millionen, so wenige wie zuletzt vor 16 Jahren. Die gute Konjunktur hat dazu beigetragen. Und Weise, der unter großem Druck ein träges System in einen modernen Dienstleister verwandelt hat. Er sprach von Steuerung und Wirtschaftlichkeit, von Dialog, Transparenz, Handlungsprogrammen. Die Bundesagentur musste zuletzt so wenig Geld ausgeben, dass sie Anfang des Jahres einen Überschuss von 17 Milliarden Euro hatte. Längst finden auch jene, die ihm zunächst skeptisch gegenüberstanden, er sei ein Glücksfall. Er schien am Ziel.

Das beste Jahr, sagte er seinen Mitarbeitern, hätten sie noch vor sich: 2009. Stattdessen hat er nun eine Agenda 2009, den Stresstest des neuen Sozialstaats.

Ein schwarzer BMW mit Nürnberger Kennzeichen hält vor einem verschachtelten grauen Flachbau, einem Tagungszentrum bei Düsseldorf. Es ist Mitte Januar, in der Morgensonne glitzern Schneereste. Weise steigt aus und eilt in einen Saal, in dem ein paar Dutzend Stühle zu wenigen breiten Reihen aufgestellt sind. Er besucht seine zehn Regionaldirektionen, er will die Führungskräfte auf das Jahr einstimmen.

Weise kommt schnell zur Sache. Die Wirklichkeit habe alle Prognosen schnell überholt, alles sei schlimmer gekommen. Weise läuft vor der ersten Reihe auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ein General, der seine Truppen abschreitet, seine Sätze sind schlank wie die Verwaltung, für die er steht. Ein ungemütlicher Mann von 57 Jahren, Oberst der Reserve, wie gemacht für diese ungemütliche Zeit.

"Sie werden viele rote Balken in den Diagrammen Ihrer Vermittlungsstatistiken haben", Abweichungen von den Zielvorgaben, "sehr gravierend." Am Jahresende will er von jeder der 176 Niederlassungen wissen, welcher Teil der roten Balken auf die Krise zurückzuführen ist und welcher darauf, dass eine Filiale ihre Arbeit nicht gut gemacht hat. Was für Arbeitslose gilt, soll auch für Vermittler gelten, findet er: fordern und fördern, der Leitsatz der Hartz-Reformen. Auch in der Krise, gerade dann.

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