Bank of England
Mervyn King im Netz der Sachzwänge

Mervyn King wollte die langweiligste Geldpolitik aller Zeiten machen. Das war sein erklärtes Ziel. Jetzt hat ihn die Wirklichkeit eingeholt. Der Chef der Bank of England muss entscheiden, ob er die britische Wirtschaft mit noch mehr Geld flutet – um endlich die Rezession zu überwinden. Wie ein störrischer Intellektueller sich neu erfinden muss.
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LONDON. Als Mervyn King an die Spitze der altehrwürdigen Bank of England rückt, hat er ein erklärtes Ziel: Er will die Geldpolitik „so langweilig wie möglich“ gestalten. Die Entscheidung über Zinsen, Geldmenge und Wechselkurse soll eine rein technische Angelegenheit sein – regelgetrieben, jenseits aller Dogmen und Ideologien.

Jetzt, sechs Jahre später, lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass King damit grandios gescheitert ist. Noch nie war Geldpolitik so aufregend und so kontrovers wie in der Finanzkrise. Und der Notenbankchef trägt kräftig dazu bei, dass es nicht langweilig wird.

Am heutigen Donnerstag stehen King und seine Mannschaft erneut vor einer schwierigen Herausforderung. Sie müssen entscheiden, ob sie die schwer angeschlagene britische Wirtschaft mit noch mehr Geld fluten, um das Land aus der Rezession zu führen. Im dritten Quartal ist die Wirtschaft des Königreichs völlig überraschend noch einmal um 0,4 Prozent geschrumpft. Nach den deutlich schwächeren Zahlen als erwartet wurde, zeichnet sich immer klarer ab, dass der Weg Großbritanniens aus der Wirtschaftskrise länger werden wird als für andere große Industrieländer.

Über ein Rückkaufprogramm für Staatsanleihen hat die Notenbank bereits 175 Milliarden Pfund an zusätzlicher Liquidität in die Wirtschaft gepumpt. Die Mehrheit der Analysten geht davon aus, dass der geldpolitische Rat der Bank of England bei seiner heutigen Sitzung die Geldmenge um 25 Milliarden Pfund ausweiten wird, und das, obwohl King von solchen Programmen lange Zeit überhaupt nichts hielt.

Doch die Finanzkrise hat auf die geldpolitischen Überzeugungen des Notenbankchefs keine Rücksichten genommen. Am Ende muss sich der störrische King den Sachzwängen beugen, ob er will oder nicht.

King verfügt über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein, ein Ex-Kollege spricht sogar von der „Arroganz des brillanten Intellektuellen“. Tatsächlich hat der Fan des Fußballklubs Aston Villa wenig von der Bodenständigkeit seines Vorgängers Eddie George, der sich als Sohn eines Postboten nach oben gearbeitet hat. King stammt aus dem Bildungsbürgertum, ist aufgewachsen in einer wohlhabenden Familie in der Stadt Wolverhampton.

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