Bank of Japan passt Geldpolitik an: „Notenbank schlägt ein neues Kapitel auf“

Bank of Japan passt Geldpolitik an
Zwei Prozent Inflation – um jeden Preis

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„Notenbank schlägt ein neues Kapitel auf“

Notenbankchef Haruhiko Kuroda war im April 2013 angetreten, um mit ein monetären Schocktherapie Japan aus der Deflation zu befreien und innerhalb von zwei Jahren eine Inflationsrate von zwei Prozent zu erzielen. Doch zunächst musste er das Inflationsziel immer weiter verschieben, obwohl er das JGB-Kaufprogramm drastisch erhöhte. Zuletzt wurde März 2018 als Zieldatum angepeilt. Und nun begannen auch noch die Verbraucherpreise – nach einem kurzen inflationären Zwischenspurt – wieder zu fallen.

Kuroda kündigte daraufhin im Juli eine Überprüfung der Geldpolitik an, deren Ergebnisse er diesen Mittwoch vorlegte. In dem Bericht reklamiert die Notenbank zwar, dass die Deflation überwunden sei. Aber sie gesteht zu, dass „trotz der großangelegten geldpolitischen Lockerung der Bank das Preisstabilitätsziel nicht erreicht wurde.“ Gleichzeitig stellte die Notenbank negative Auswirkungen ihrer Minuszinspolitik auf die Finanzinstitute fest.

Das Ausbleiben der Inflation begründete die Notenbank mit externen Faktoren, namentlich dem Fall der Ölpreise, der Mehrwertsteuererhöhung in 2014 und der folgenden, unerwartet langen Konsumflaute, dem langsameren Wachstum in Schwellenländern, den volatilen Finanzmärkten und dem plötzlichen Höhenflug des Yen seit dem Crash von Chinas Aktienmarkt Anfang des Jahres. Außerdem erkennt sie an, dass die Inflationserwartungen der Japaner nicht steigen, weil sie eher zurückschauen.

Übersetzt bedeutet dies: Die Japaner haben sich nach 20 Jahren Deflation so an fallende Preise gewöhnt, dass sie sich Inflation nicht vorstellen mögen. Die Schlussfolgerung der Bank: Es braucht ein längerfristiges Bekenntnis, um Inflation zu erzwingen.

Eine wichtige Folge der Analyse und des Kursschwenks ist, dass die Notenbank zwei wichtige Kennzahlen ihrer Geldpolitik rasiert. Das erste Opfer ist das Ziel, jährlich für 80 Billionen Yen JGBs zu kaufen. So verheißt die Notenbank zwar, dass sie JGBs „mehr oder weniger in Übereinstimmung mit dem jetzigen Tempo“ kaufen werde. Aber das neue operative Ziel ist, die Zinsen für zehnjährige JGBs bei null Prozent zu halten.

Zweitens wird die Bank von Japan ihr Ziel für die durchschnittliche Laufzeit von JGBs in ihrem Besitz aufgeben. Derzeit liegt es bei sieben bis zwölf Jahren. Die konkrete Höhe der JGB-Käufe wird durch beide Maßnahmen zu einer abgeleiteten Größe.

„Die japanische Notenbank schlägt mit dem heutigen Tag ein neues Kapitel auf“, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank aus Liechtenstein. Ziel sei ist es nicht mehr, soviel Wertpapiere wie möglich zu kaufen, sondern die Zinsen bis in den langlaufenden Bereich ins Visier zu nehmen. „10jährige japanische Staatstitel sollen nach Möglichkeit eine Rendite im Bereich von 0 Prozent ausweisen.“ Die Zentralbanker wollten damit künftig die „Steilheit der Renditekurve“ steuern. „Je deutlicher die Zinsen im langlaufenden Bereich über den kurzen Zinsen liegen, desto besser für die Banken“, sagte Gitzel.

Ob die Wende der Notenbank die Märkte beruhigen wird, ist allerdings noch unklar. Kurzfristig werden sich die Aktien von Banken und Versicherern wahrscheinlich erholen. Gleichzeitig werden die Märkte noch mehr raten dürfen, ob die Bank von Japan künftig „tapern“, also weniger JGBs als bisher kaufen wird, oder ihre Geldpolitik noch mehr lockern will. Und Unklarheit über die Richtung der Geldpolitik ist nicht unbedingt ein gutes Mittel gegen volatile Märkte. Nur eines ist sicher: Japans Geldpolitik bleibt weiterhin ein großes Freilandexperiment mit unbekannten Ausgang.

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Martin Kölling, Handelsblatt-Redakteur und Korrespondent in Tokio. Quelle: privat
Martin Kölling
Handelsblatt / Asien-Korrespondent

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  • @ G. Nampf
    "Daß möglicherweise die ganze Therapie falsch ist, zieht offensichtlich niemand in Betracht."

    Die Therapie wäre, die Schulden-Deflation zuzulassen. Mit weniger Schmerzen wäre das vielleicht noch vor 20 Jahren möglich gewesen, mit starken Schmerzen 2008, jetzt bringt die Schulden-Deflation den Patient Weltwirtschaft um:

    "Die schwerwiegendste Verwerfung im gegenwärtigen globalen System ist die existierende Dollar-Blase. Gemessen an der Entwicklung des realen Gefüges ist der Dollarkurs weit überhöht...
    Dieses Gefüge hängt am seidenen Faden. Der Fluss des Welthandels ist nur solange aufrechtzuerhalten, solange ausländische Investoren bereit sind, die Defizite in der US Handels- und Leistungsbilanz durch Dollarankäufe zu kompensieren.
    Nur diese Schuldenfinanzierung hält den hohen amerikanischen Verbrauch aufrecht, nur diese Schuldenfinanzierung hilft der japanische Wirtschaft, aus der Deflationsfalle heraus zu kommen und gibt der chinesischen Wirtschaft wesentliche Expansionsimpulse...
    Dann platzt die Dollar-Blase. Es kommt zu einer drastischen Abwertung des Dollars an den internationalen Devisenmärkten.
    Dann werden die asiatischen Volkswirtschaften ihren Preis für ihre jahrelangen Interventionen an den Währungsmärkten bezahlen, in dem sie schwere Abwertungsverluste auf ihren Rekorddevisenbestände hinnehmen müssen.
    Dann können in den USA, wie in Asien Kettenreaktionen in Gang gesetzt werden, die sich zwischen Finanzsektoren und operativer Wirtschaft gegenseitig aufschaukeln.
    Der amerikanische Konsum, wesentliche Komponente des Weltwirtschaftmotors, bricht ein. Ihr Spiegelbild, die asiatischen und europäischen Exporte in die USA sinken drastisch. Die Investitionen in allen Wirtschaftsräumen folgen mit akzelerierender Geschwindigkeit.
    Die resultierende Weltwirtschaftskrise II führt zu Börsen- und Bankencrashs. Kredit- und Geldketten falten sich zusammen."
    http://www.macroanalyst.de/afc-5-asset-inflation.htm
    Und dieser Artikel wurde VOR 2008 geschrieben.

  • Südländer ? Seit wann ist Deutschland in Süden, Herr Keizer ?

  • Offensichtlich handeln alle Notenbanken nach dem Motto:

    "Wenn die Medizin nicht hilft, erhöhen wir die Dosis, egal ob der Patient daran stirbt"

    Daß möglicherweise die ganze Therapie falsch ist, zieht offensichtlich niemand in Betracht.

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