Bankenaufseher gesucht
Main statt Mittelmeer

Mit 770 Mitarbeitern soll im November 2014 die neue Bankenaufsicht starten. Doch Bankenaufseher wachsen nicht auf Bäumen. Deshalb werden viele Mitarbeiter von nationalen Behörden kommen – das birgt aber auch Risiken.
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FrankfurtFabrizio Dicone hatte genau einen Tag Zeit, sich gegen Rom und für einen neuen Job in Frankfurt zu entscheiden. Der 32 Jahre alte Mitarbeiter der italienischen Notenbank sagte zu. Das ist sieben Monate her. Nun gehört Dicone zu den ersten Mitarbeitern der neuen Bankenaufsichtsbehörde, die unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB) entsteht. Er schreibt mit an den Vorschriften, nach denen die Aufsicht in Europa neu organisiert werden soll. „Das ist eine große Chance“, sagt Dicone. „In Rom haben wir die Regeln angewandt, hier schreiben wir die Regeln. Es ist eine Ehre, zu diesen Pionieren zu gehören.“

Doch so schnell lassen sich nicht viele Bank-Profis begeistern. Die EZB hat 770 Planstellen für Bankenaufseher geschaffen, die in den nächsten Monaten neben 230 Hilfskräften an Bord geholt werden müssen, damit die neue Aufsicht im November 2014 an den Start gehen kann. Von ihrem Erfolg hängt das Vertrauen der Finanzmärkte in die Bankenbranche der aktuell 17 Euro-Länder ab. In London gibt es eine EU-Bankenaufsicht namens EBA – doch die hatte sich mit zwei misslungenen Stresstests nach Ansicht vieler Politiker blamiert. Daher hat die EU die EZB und nicht die EBA damit beauftragt, künftig statt der 17 nationalen Notenbanken und Aufsichtsbehörden mehr als 120 der wichtigsten Banken in der Euro-Zone zu überwachen.

Doch Bankenaufseher wachsen nicht auf Bäumen. Klar ist bisher nur, wenn auch noch nicht offiziell, wer den Chefposten der Behörde bekommt: die Leiterin der Pariser Bankenaufsicht, Daniele Nouy. Angesichts der zähen Personalsuche ließ EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in einem Interview schon Zweifel am Zeitplan anklingen: Bei der Qualität der Mitarbeiter werde man keine Kompromisse machen. Im Notfall ließe sich daher alles ein wenig strecken.

Die Notenbanker werden zum Großteil darauf angewiesen sein, Mitarbeiter von Bundesbank, Bafin oder anderer Aufsichtsbehörden in Europa abzuwerben. Länderquoten gibt es offiziell nicht. Die ersten 400 sollen bis Ende März ihre Verträge unterschrieben haben. Bei der Bonner Finanzaufsicht Bafin und der Bundesbank ist man ob dieser Aussichten hin- und hergerissen. Einerseits drohen sie ihre besten Leute zu verlieren, andererseits könnten diese den deutschen Einfluss in Frankfurt sichern – und vielleicht später mit mehr Erfahrung und Autorität zurückkehren.

„Der Erfolg der neuen europäischen Aufsicht liegt uns sehr am Herzen, auch wenn uns das aus personellen Gesichtspunkten vor große Herausforderungen stellt“, sagt Rudolf Böhmler, der bei der Bundesbank als Vorstand für das Personal zuständig ist. Denn die nationalen Aufseher geben zwar die Hauptzuständigkeit für ihre größten Banken nach Frankfurt ab, rechnen aber damit, eher mehr Mitarbeiter zu brauchen als heute. Schließlich muss künftig jeder Antrag, jede Bilanz einer Sparkasse oder Volksbank in die EZB-Geschäftssprache Englisch übersetzt werden – von den Bankern selbst könne man das nicht erwarten.

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