Beatrice Weder di Mauro
„Der Rat krempelt sich um“

Die alte und neue Frau im Rat: Die Ökonomin Beatrice Weder di Mauro, seit 2004 Wirtschaftsweise, wurde am Mittwoch bis 2012 in das Gremium berufen. Im Interview spricht sie über die Reform des Sachverständigenrates.

Handelsblatt: Seit knapp drei Jahren gehören Sie dem Sachverständigenrat an, seit gestern ist es offiziell: Sie werden auch in den kommenden fünf Jahren Mitglied sein. Haben Sie nicht genug, nachdem die Vorschläge des Rates zuletzt fast ungehört blieben?

Beatrice Weder di Mauro: Nein, ganz im Gegenteil. Der Rat hat außerordentliche drei Jahre erlebt. Wir haben neben den Jahresgutachten drei Expertisen auf Wunsch der Regierung geschrieben – das ist eindeutig ein Rekord in der Geschichte des Gremiums.

Bislang wohl vor allem ein quantitativer Rekord. Weder die Vorschläge zur Unternehmensbesteuerung wurden umgesetzt, noch die zum Kombilohn. Es sieht sogar so aus, dass ausgerechnet das Minderheitenvotum die größten Umsetzungschancen hat.

Wir mischen uns mit den Expertisen ganz klar stärker in politische Debatten ein, wir produzieren nicht einfach mehr. Wie gut wir das machen, kann jedoch nicht allein daran gemessen werden, ob ein Vorschlag umgesetzt wird. Auch, wenn wir im Rat wissen, dass Politiker mehrheitlich über eine Idee nicht jubeln werden, wir sie aber für die zielführendste und wirksamste halten, müssen wir sie nennen. Dann sogar erst Recht. Auf diese Weise falsche Ideen zu verhindern, kann auch ein Erfolg sein.

Wollen Sie damit sagen, dass sie damit gerechnet haben, dass die Vorschläge zur Unternehmensbesteuerung und Kombilohn in der Praxis zum Scheitern verurteilt waren – und Ihnen das egal ist.

Nein, natürlich ist es enttäuschend. Aber wir mussten damit rechnen: weil beide Ideen Systemwechsel bedeuteten. Und die lassen sich nun mal schwer verkaufen. Da braucht es schon doppelten Mut. Von uns, weil wir uns den Spott gefallen lassen müssen, wenn eine Idee ins Regal gestellt wird. Und von der Politik, weil sie unbequeme Entscheidungen treffen und kommunizieren muss – und damit Wählerstimmen kurzfristig aufs Spiel setzt. Was wäre gewonnen, wenn wir das ließen und aufgeweichte Lösungen präsentierten? Die führten nicht zum Erfolg, die nächste Reform würde notwendig, das Spiel ginge von vorne los. Das hilft weder der Politik, noch uns – und erst Recht nicht dem wichtigsten Adressaten unserer Arbeit, den Bürgern.

Dass die Regierung drei Expertisen in so kurzer Zeit in Auftrag gab, zeigt doch: Sie kann mit Ihren Wälzern über im schlimmsten Fall bereits tot diskutierten Fragen wenig anfangen und will den Rat stärker in den laufenden politischen Prozess einbinden.

Genau das wollen wir auch. Darüber haben wir mit der Bundeskanzlerin sehr offen gesprochen. Der Rat krempelt sich um, wir machen eine Strukturreform in eigener Sache: In Zukunft werden wir unser Jahresgutachten in sehr abgespeckter Form vorlegen und zusätzlich jedes Frühjahr eine monothematische Expertise. Man kann durchaus von einem Systemwechsel in der Ära des Rates sprechen. Die Zeiten, in denen wir nur einmal jährlich erschienen, so wie der Weihnachtsmann, sind damit vorbei.

Es wurde ja Zeit, raus aus dem Elfenbeinturm, näher an den politischen Alltag zu rücken. Ist das vereinbar mit der für den Rat charakteristischen Unabhängigkeit?

Das ist es, alles andere wäre nicht weniger als der Verlust unseres größten Vorteils gegenüber vielen anderen Beratungsgremien. Deutschland leistet sich mit uns, was sich so gut wie keine Regierung im internationalen Vergleich traut: Sie setzt sich eine Laus in den Pelz.

Der Rat wird nicht mehr nur begutachten, sondern offiziell beraten. Was ist das Gegengeschäft? Müssen sie die Konjunkturanalyse den Instituten überlassen?

Es geht nicht um Geschäftsbeziehungen. Der Rat hat weiter die Aufgabe der Begutachtung, dafür brauchen wir eine eigene Konjunkturanalyse.

Wenn sie nun stärker für konkrete Probleme konkrete Lösungen präsentieren sollen, werden sie statt unpopulären First-Best-Lösungen praxistauglichere Second-Best-Lösungen vorschlagen?

Unser Ziel sind sicher nicht unpopuläre Lösungen. Aber selbst bei den Vorschlägen, die tatsächlich unpopulär sind: Hinter verschlossenen Türen gibt es sehr wohl Leute, die unsere Ideen begrüßen und ernst nehmen. Wir brauchen also erstens Geduld und zweitens müssen wir den Dialog noch intensivieren.

Krankt die wirtschaftspolitische Beratung daran, dass Menschen schwerer von der Wirksamkeit einer ökonomischen Idee zu überzeugen sind als von der eines Statikers? Rechnet der falsch, stürzt die Brücke ein, das ist unmissverständlich. Drei Ökonomen haben dagegen vier Meinungen. Auch der Rat hat ja gerne mal zwei.

Auch wenn richtig oder falsch nicht so einfach sichtbar ist wie bei Brückenbauern: In der Ökonomie kann man sehr wohl erkennen, welche Wirtschaftspolitik wirkt oder nicht. Gerade die empirische Forschung leistet das.

Ein Beispiel?

Wir verstehen heute wie die Geldpolitik auf Inflations- und Währungsstabilität wirkt. Chronische Inflationen wie sie vor recht kurzer Zeit noch in vielen Ländern wie Lateinamerika ein schwerwiegendes Problem waren, haben wir heute im Griff.

Das Gespräch führte Dorit Heß

Junges Mitglied, alte Institution:

Die Wirtschaftsweise: Bis Ende Februar 2012 hat Bundespräsident Horst Köhler gestern auf Vorschlag der Bundesregierung Beatrice Weder di Mauro in den Sachverständigenrat berufen. Die 41-jährige Professorin in Mainz gehört dem wichtigsten volkswirtschaftlichen Beratungskreis, dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, bereits seit August 2004 an – als erste Frau und erste Ausländerin.

Der Rat: 1963 wird der Sachverständigenrat gegründet. Jährlich legt er Gutachten vor mit dem Auftrag, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu begutachten. Fortan kommt ein monothematisches hinzu.

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