Bert Rürup zu Griechenland
Sirtaki tanzt man nicht allein

Die Regierung um Ministerpräsident Papandreou hat dem Land ein unerbittliches Sparprogramm auferlegt. Aber wird das ausreichen? Hilfreich wäre sicherlich ein Blick nach Osten - Richtung Türkei. Bert Rürup über die Haushaltslage Griechenlands.
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FRANKFURT. Griechenland, die Wiege Europas, hätte im Frühjahr zum Totengräber der Idee eines währungspolitisch vereinten Europas werden können. Damals reagierten die Finanzmärkte mit Risikoaufschlägen von bis zu 900 Basispunkten, bezogen auf zehnjährige deutsche Staatsanleihen, und explodierenden Kosten für Kreditausfallversicherungen auf die griechischen Haushaltsprobleme. Die Refinanzierung fällig werdender Schuldtitel wurde immer schwieriger, und die Ängste vor einem Schuldenmoratorium verschlechterten auch die Kreditwürdigkeit Portugals, Spaniens und sogar Italiens.

Anstelle eines von vielen geforderten Teilverzichts der Gläubiger reagierten - nach wahltaktisch motivierten Verzögerungen durch die deutsche Bundesregierung - die Euro-Staaten und der IWF mit einem Bürgschaftsrahmen für griechische Staatsschulden von 110 Mrd. Euro. Damit sollte dieses Land für etwa zwei Jahre von den Risikoaufschlägen abgeschirmt werden. Mit dem eilig geschnürten Rettungspaket wurde gleichzeitig faktisch die Non-Bail-out-Klausel des EWU-Vertrages außer Kraft gesetzt und die EWU perspektivisch zu dem, was die EU ist - eine Transfergemeinschaft.

Möglicherweise war dies die Einleitung der Geburt der "Vereinigten Staaten von Europa". Auf jeden Fall war die Aktion von Mitte Mai der Preis dafür, dass die Regierungen der Euro-Länder und die EU-Kommission nicht nur im Jahr 2000 bei der Entscheidung, Griechenland in die EWU aufzunehmen, sondern auch in den Jahren danach bewusst über die finanzstatistische Kreativität der Hellenen hinweggeschaut haben - Sirtaki tanzt man nun einmal nicht allein.

Die desaströse Haushaltslage mit einer Schuldenstandsquote von 115 Prozent und einer Defizitquote von 13,6 Prozent und der massive Druck der EWU-Staaten und des IWF zwangen die frischgewählte Regierung Papandreou, ein sehr scharfes Konsolidierungsprogramm zu beschließen. Es soll die griechischen Krankheiten kurieren: den überdehnten Staatsapparat, das zergliederte und äußerst generöse Rentensystem, die ineffiziente Finanzverwaltung und die gesellschaftlich augenzwinkernd geduldete Steuerhinterziehung und Korruption. Wird der überzeugende Mix aus Kürzungen, Steuererhöhungen und schärferen Kontrollen umgesetzt, dann kann Griechenland 2014 die Defizitquote auf drei Prozent drücken. Ein weiterer Anstieg der Schuldenstandsquote ist dagegen unvermeidlich.

Ob die um den Preis einer Konsolidierungsrezession erreichte EWU-konforme Defizitquote aber ausreichen wird, das verspielte Vertrauen der Finanzmärkte in die langfristige Kreditwürdigkeit Griechenlands wiederherzustellen, ist ungewiss. Denn eine alsbaldige Rückkehr der griechischen Volkswirtschaft auf den auf Pump finanzierten Wachstumspfad von vier Prozent der Vorkrisenjahre ist unwahrscheinlich und ein nachhaltiges, über den Tourismusbereich hinausgehendes Geschäftsmodell noch nicht erkennbar.

Es ist zu hoffen, dass es Griechenland bei der erforderlichen Suche nach einer nachhaltigen Wachstumsstrategie gelingt, die historisch bedingten Animositäten zum aufstrebenden und wachstumsstarken östlichen Nachbarn Türkei zu überwinden. Hilfreich wäre dies allemal.

Kommentare zu " Bert Rürup zu Griechenland: Sirtaki tanzt man nicht allein"

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  • Nein, sicher tanzt man Sirtaki nicht allein.

    Deswegen muss man aber nicht gleich mit den hinterhältigen Türken tanzen. Dann tanze ich lieber mit den Wölfen. Von denen weiß ich wenigstens was ich zu erwarte habe und kann mich darauf einstellen.

    Von "Animositäten" kann man vielleicht reden wenn man einen Nachbarn nicht leiden kann, der vielleicht mal die Musik zu laut stellt, aber sicher nicht wenn die Angst vor dem Türken über die Jahrhunderte hinweg genetisch fest verankert wurde. Und zwar nicht ohne Grund!

    Ein Deutscher, der noch nie wirklich schlechte Erfahrungen mit tückischen Türken gemacht hat sollte sich nicht anmaßen anderen vorzuschreiben mit wem sie zu tanzen haben.

    Die Türken sollen uns lieber mal erklären warum aktuell GR ausgerechnet mit illegalen Einwanderern aus der Türkei überflutet wird, warum die Türkei von den Leuten als Tor nach Europa betrachtet wird.

    Wenn wir schon dabei sind könnten sie uns auch erklären warum regelmäßig Luftrechte überschritten werden. Warum sie auf griechische inseln landen und behaupten die inseln würden keinem gehören. Vielleicht um demnächst zu behaupten die inseln würden ihnen gehören! Apropos, was haben sie eigentlich auf Zypern zu suchen? Warum leben Türken in griechische Häusern? Und wie gedenken die Engländer und Amerikaner zur Lösung beizutragen, die GR damals gezwungen haben die Soldaten abzuziehen? Das war wohl ein Freundschaftsdienst an die Türken?

    Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir auch gleich über Konstantinopel reden und die vollständige westliche türkische Landzone. Wir sollten auch über den Christenprogrom reden. bis vor einigen Jahrzehnten gab es noch dutzende christliche Gemeinden in istambul mit 100 Tausenden christlicher Mitglieder. Wo sind denn die alle hin? Sie haben sicher aus reiner Nächstenliebe ihre Grundstücke, Häuser, Geschäft etc. aufgegeben, um sie den Türken zu übergeben.

    Und warum darf sich eigentlich der Patriarch in instambul nicht einmal kratzen wenn´s ihn juckt?

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