Beschäftigung
Arbeitsmarkt rüstet sich für großen Sturm

Die aktuellen Arbeitsmarktdaten zeigen: Der Rückgang der Arbeitslosigkeit ist im Juni geringer ausgefallen als in den letzten Jahren. Die schwere Rezession in Deutschland hat laut Bundesagentur für Arbeit den sonst üblichen Frühjahrsaufschwung am Arbeitsmarkt schwächer ausfallen lassen.

NÜRNBERG/ BERLIN. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) waren im abgelaufenen Monat 3,41 Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Das waren 48 000 weniger als im Mai. In früheren Jahren hatte sich die Arbeitslosigkeit im Juni allerdings jeweils um mehr als 120 000 Personen verringert. Im Vergleich zum Juni 2008 hat sich die Zahl der Arbeitslosen damit inzwischen um 250 000 erhöht.

Unterm Strich sind die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt damit nach Auffassung von BA-Chef Frank-Jürgen Weise „immer noch moderat“. Hintergrund sind die offenbar nach wie vor deutlich stabilisierenden Wirkungen der Kurzarbeit. Zwar ist die Zahl der Arbeitnehmer, die neu zur Kurzarbeit angemeldet wurden, nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur im Juni erneut gesunken. Die Behörde geht von etwa 220 000 Neuanträgen aus, während es im März noch 680 000 waren. Dies zeigt allerdings zunächst nur an, dass die tatsächliche Zahl der Kurzarbeiter – im März waren dies 1,1 Millionen – in nächster Zeit nicht mehr stark steigen dürfte.

Ab wann die entlastende Wirkung auf die Arbeitslosenstatistik wieder nachlässt, ist hingegen vorerst noch offen. Denn für wie viele Arbeitnehmer und für welche Zeiträume die Unternehmen angemeldete Kurzarbeit tatsächlich in Anspruch nehmen, kann die BA jeweils erst mehrere Wochen nach Quartalsende feststellen. Nach einer BA-Schätzung dürfte die tatsächliche Kurzarbeiterzahl seit März um weitere 200 000 bis 300 000 angestiegen sein.

Kurzfristig bewegte sich der Rückgang der Arbeitslosenzahl um 48 000 gegenüber Mai im Rahmen der Erwartungen von Volkswirten. Diese hatten im Vorfeld mit Größenordnungen zwischen 30 000 und 75 000 gerechnet. Allerdings könnte der Juni bereits auf längere Zeit der letzte Monate mit rückläufiger Arbeitslosigkeit gewesen sein. Für das zweite Halbjahr sagen die Forschungsinstitute eine deutliche Verschlechterung der Lage voraus. Als offen gilt nur, ob die markante Schwelle von vier Millionen Arbeitslosen bereits im laufenden Jahr oder erst Anfang 2010 wieder überschritten wird. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt gab sich zumindest insoweit verhalten zuversichtlich: Er glaube, dass die Marke bei „etwas optimistischer Einschätzung“ in diesem Jahr nicht mehr überschritten werde, sagte er.

Für Juli rechnen Experten schon deshalb mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, weil mit dem Quartalsende vor der Sommerpause in der Regel gehäuft Kündigungen wirksam werden und befristete Arbeitsverträge auslaufen. Nach den Sommermonaten folgt zwar nach dem üblichen Saisonverlauf am Arbeitsmarkt eine neuerliche Belebung – allerdings dürften bis dahin nach und nach mehr Unternehmen von Kurzarbeit auf Personalabbau umschalten. Nach Erfahrungswerten der Bundesagentur stellen sich Unternehmen bei der Kurzarbeit zunächst einmal auf Zeiträume von sechs bis acht Monaten ein. Da der starke Zuwachs bei der Kurzarbeit zu Jahresanfang eingesetzt hat, dürfte deren entlastende Wirkung ab September oder Oktober nachlassen.

Vertreter der Großen Koalition lobten erneut die stützende Wirkung der Kurzarbeit: „Wir haben in Deutschland etwas geschafft, das in dieser Krise weltweit beinahe einzigartig ist“, sagte Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD). „ Bei uns folgt der Arbeitsmarkt nicht ungebrochen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung.“ Diese Abkopplung sei ein Verdienst der Kurzarbeit. Ähnlich bewertete CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla die neuen Zahlen: „Die Sicherungsnetze haben gehalten“, sagte er.

Die Koalition setzt darauf, dass sie mit ihren neuerlichen Lockerungen der Vorschriften zur Kurzarbeit die stützende Funktion noch einmal ausgebaut hat. Nach einer Neuregelung zum 1. Juli sollen Betriebe künftig vom sechsten Monat der Kurzarbeit an gar nicht mehr mit den bisher darauf anfallenden Sozialbeiträgen belastet werden. Ursprünglich hatten sie für Phasen der Kurzarbeit den vollen Sozialabgabensatz, bezogen auf 80 Prozent des Vollzeitlohns, entrichten müssen. Nach einer ersten Lockerung im Februar hatte die Koalition diese Last bereits halbiert. FDP-Vize Rainer Brüderle übte vor diesem Hintergrund jedoch heftige Kritik: Die Arbeitslosenstatistik liefere nur noch „potemkinsche Zahlen“, sagte er. „Diese Papp-Kulisse wird beim ersten Herbstwind in sich zusammenfallen.“

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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