Beschäftigung
Experten streiten über Aufschwung am Arbeitsmarkt

Der Konjunkturaufschwung ist da. Doch unter Experten ist umstritten, ob er wirklich ausreichend neue Arbeitsplätze bringt. Nach Analysen des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erreicht der Arbeitsplatzaufbau bisher nicht annähernd die Dynamik der zurückliegenden Aufschwungjahre 1998 bis 2000.

BERLIN. Dagegen kommt etwa der Bundesverband deutscher Banken (BDB) in seinem neuen Konjunkturbericht genau zum gegenteiligen Ergebnis. Danach ist die Beschäftigung in jüngster Zeit steiler angestiegen als in jeder vergleichbaren Aufschwungphase seit den 70er-Jahren. „Dieser Befund unterstreicht, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland in den letzten Jahren beschäftigungsintensiver geworden ist“, schreibt der Bankenverband und wertet dies als Beleg für den Erfolg der Hartz-Reformen am Arbeitsmarkt.

Einen Teil der Erklärung für diese Gegensätze liefert ein Blick in die Beschäftigungsstatistik: Prozentual gerechnet, ist danach die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in jüngster Zeit so kräftig angestiegen wie seit Jahren nicht mehr. Andererseits aber liegt die absolute Zahl dieser Normalarbeitsverhältnisse noch immer um weit mehr als eine Million unter ihrem bisherigen Höchststand von 28,3 Millionen im September 2000.

Ein aus Sicht des IMK besonders kritischer Gesichtspunkt ist, dass es in diesem Aufschwung bisher deutlich weniger neue Arbeitsplätze gibt, obwohl die Arbeitslosigkeit eher stärker gesunken ist als in den Aufschwungjahren ab 1998. In der Tat lag die Arbeitslosenquote im Juni 2007 – vor dem leichten saisonalen Anstieg im Juli – mit 8,8 Prozent bereits einen Zehntelpunkt unter dem niedrigsten Wert des Boomjahres 2000.

Dahinter stehen mehrere Ursachen, die das IMK vorwiegend kritisch bewertet: Zum einen habe eine Flexibilisierung tarifvertraglicher Arbeitszeiten dafür gesorgt, dass Unternehmen weniger Neueinstellungen benötigen, um das Arbeitsvolumen auszuweiten. Zum anderen hätten die Arbeitsmarktreformen ihren Anteil daran. Dabei spielt offenbar nicht nur erhöhter Druck auf Arbeitslose eine Rolle, der manche Hartz-IV-Bezieher veranlasst, sich beim Jobcenter lieber ganz abzumelden. Zudem verweist das Institut auch auf einen statistischen Effekt, der mit der gestiegenen Zahl an Minijobbern zu tun hat: Diese würden zumeist gleichzeitig als arbeitslos und als beschäftigt gezählt, wenn sie neben ihrem Lohn aufstockende Hartz-IV-Leistungen beziehen. Bekommen sie nun bessere Jobs, dann sinkt statistisch die Arbeitslosigkeit, während die Beschäftigung trotzdem nicht steigt.

Dass die Urteile der Experten so stark auseinanderklaffen, hat aber auch technische Gründe: Das IMK datiert den Beginn des aktuellen Konjunkturaufschwungs auf das vierte Quartal 2004. Eine „durchaus diskussionswürdige“ Festlegung, wie BDB-Volkswirt Volker Hofmann anmerkt. Diese Definition führt zwangsläufig zu ungünstigeren Vergleichsergebnissen, als wenn man einen späteren Zeitpunkt wählt. Der BDB datiert den Anfang des Aufschwungs in seiner Analyse auf das zweite Quartal 2006, in dem die Beschäftigung erstmals das Vorjahresniveau übertraf.

Ein endgültiges Urteil über die Beschäftigungswirkungen wird naturgemäß erst möglich sein, wenn der aktuelle Aufschwung vorüber ist. In diesem Punkt sieht allerdings auch Hilmar Schneider, Forschungsdirektor am Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), allen Grund zur Besorgnis. Denn im Ausbau öffentlich finanzierter Jobs für Arbeitslose, wie ihn die Regierung derzeit betreibe, sei bereits „der Keim für den nächsten Abschwung am Arbeitsmarkt angelegt“, warnt er. Solche Programme seien nicht nur kostspielig und drohten speziell die Abgabenbelastung einfacher Arbeit zu erhöhen. „Sie werden vor allem die Anreize für eine Stellensuche im ersten Arbeitsmarkt drastisch vermindern“, betont Schneider. Damit aber werde ein wesentlicher Fortschritt im Zuge der Hartz-Reformen wieder zunichte gemacht.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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