BIP-Sprung
„Reanimation der deutschen Wirtschaft ist geglückt“

Die deutsche Wirtschaft erholt sich schneller als gedacht. Darauf deuten neue Daten zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) hin. Zum Wachstum trugen laut Statistischem Bundesamt vor allem die Exporte und die Investitionen der Unternehmen bei. Dennoch bleibt das Ausmaß der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit deutlich erkennbar.
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HB BERLIN/BRÜSSEL. Steigende Exporte haben die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal so kräftig wachsen lassen wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt legte von Juli bis September um 0,7 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistische Bundesamt am Freitag in einer ersten Schätzung mitteilte. „Das ist das stärkste Wachstum seit Anfang 2008“, sagte ein Statistiker. „Nach dem Einbruch im Winterhalbjahr scheint sich der Aufwärtstrend der Wirtschaft fortzusetzen.“ Dazu trugen auch höhere Investitionen der Unternehmen bei, die mehr Geld in Maschinen, Anlagen, Fahrzeuge und Bauten steckten.

Experten hatten einen Zuwachs von 0,8 Prozent erwartet. Bereits im Frühjahr war die Wirtschaft nach einem Jahr Rezession erstmals wieder gewachsen: Das Plus wurde nachträglich von 0,3 auf 0,4 Prozent angehoben. Zu Jahresbeginn hatte es mit minus 3,5 Prozent den stärksten Rückgang seit Beginn der Statistik 1970 gegeben, weil die globale Finanzkrise dem Exportweltmeister besonders zusetzte und die Nachfrage nach deutschen Produkten einbrechen ließ.

Ein stärkeres Wachstum verhinderte die Kaufzurückhaltung der Verbraucher. „Die privaten Konsumausgaben gingen zurück“, hieß es. Experten machen dafür das Ende der staatlichen Abwrackprämie für den Kauf eines neuen Autos und die steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich. Details wollen die Statistiker am 24. November nennen.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle bezeichnete den Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im dritten Quartal als „erfreuliche und ermutigende Entwicklung“. Das Plus entspreche seinen Erwartungen, erklärte der FDP-Politiker am Freitag in Berlin. Allerdings könne noch keine Entwarnung gegeben werden. Brüderle bekräftigte seine Forderung, von der Krisenbewältigung weg und hin zu einer Politik zu kommen, die das Wachstum nachhaltig stärkt. Dabei spiele die Steuerpolitik eine zentrale Rolle, sagte der Minister. Er verwies auf das Wachstumsbeschleunigungsgesetz, das derzeit im Bundestag beraten wird.

Experten sehen die deutsche Wirtschaft ebenfalls auf Erholungskurs. „Die Reanimation ist geglückt“, sagte Dekabank-Experte Sebastian Wanke. „Der deutsche Patient atmet nicht nur wieder, er steht sogar wieder aufrecht - allerdings an zwei Krücken der Geld- und Fiskalpolitik.“ Die Bundesregierung hatte mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen die Wirtschaft angeschoben, während die Notenbank frisches Geld zu niedrigen Zinsen in den Markt pumpte. Allerdings wird auch vor übertriebenem Optimismus gewarnt. „Wir sind noch nicht über dem Berg“, sagte WestLB-Experte Jörg Lüschow. Die Arbeitslosigkeit werde ebenso steigen wie die Zahl der Firmenpleiten. „Es wäre auch ungewöhnlich, wenn nach einer solch starken Rezession und einer Finanzmarktkrise alles wieder so schnell ausgestanden wäre.“

Wie stark die Wirtschaft trotz der Erholung immer noch unter den Folgen der weltweiten Finanzkrise leidet, zeigt der Vergleich mit dem dritten Quartal 2008: Hier brach das Bruttoinlandsprodukt - die Summe aller in Deutschland hergestellten Waren und erbrachten Dienstleistungen - um 4,7 Prozent ein. Die fünf Wirtschaftsweisen rechnen ebenso wie die Bundesregierung für das Gesamtjahr mit einem Minus von 5,0 Prozent. Das wäre der stärkste Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Für 2010 sagen die Weisen ein Wachstum von 1,6 Prozent voraus und sind damit etwas optimistischer als die Regierungsprognose von 1,2 Prozent.

Die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal wurde von 40,4 Mio. Erwerbstätigen erbracht. Das waren 81 000 Personen oder 0,2 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Auch die Wirtschaft in der Euro-Zone hat die Rezession hinter sich gelassen. Nach vorläufigen Berechnungen wuchs das Bruttoinlandsprodukt von Juli bis September um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie die Statistikbehörde Eurostat am Freitag mitteilte. Analysten hatten allerdings mit einem etwas stärkeren Wachstum von 0,5 Prozent gerechnet. Verglichen mit dem Vorjahr brach das BIP dagegen um 4,1 Prozent ein.

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