BIP-Zahlen
Wirtschaft nimmt Fahrt auf - Konsum bleibt Hemmschuh

Die deutsche Wirtschaft hat im Sommer wieder Fahrt aufgenommen: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal überraschend deutlich; im Vergleich zum Frühjahr ergibt sich ein Zuwachs von 0,6 Prozent. Analysten hatten mit einem geringeren Plus gerechnet.

HB WIESBADEN. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, haben die Unternehmen im Vergleich zum Frühjahr zum einen mehr exportiert; zum anderen hätten die Betriebe wieder mehr exportiert. Im ersten und zweiten Quartal hatte sich die Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent beziehungsweise um 0,2 Prozent erhöht.

Im Vergleich zum Vorjahresquartal ergebe sich sogar ein Wirtschaftswachstum um 1,3 Prozent, so die Behörde weiter. Im Jahresvergleich werde das Wachstum jedoch fast allein vom Export getragen, die Binnennachfrage habe stagniert.

Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten lediglich mit einem Wachstum von 0,5 Prozent zum Vorquartal gerechnet. Diverse Konjunkturindikatoren hatten zuletzt Hoffnungen genährt, dass sich die Erholung im Herbst und auch im kommenden Jahr fortsetzt - wenn auch nur mit mäßigem Tempo.

Neben dem Antriebsmotor Export regt sich endlich auch im Inland wieder Leben. Die Firmen haben im Sommer mehr Maschinen gekauft und investiert. Das sorgt für Optimismus bei den Ökonomen, die bereits von einer Wende sprechen.

„Deutschland, lange Zeit verhöhnt als kranker Mann Europas, zeigt klare Anzeichen einer neuen Kraft“, sagt Chefvolkswirt Holger Schmieding von der Bank of America. „Die Wirtschaft erlebt einen Aufschwung wie aus dem Lehrbuch.“ Die Exporte wurden im Sommer von der robusten Weltwirtschaft und der Abwertung des Euro unterstützt. Weil die Unternehmen hervorragende Gewinne einfuhren und weiter auf guten Absatz im Ausland hoffen, investierten sie mehr. „Die zweite Stufe des Aufschwungs hat gezündet“, sagt Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank. Die Investitionen könnten im Gesamtjahr um rund fünf Prozent steigen.

Im Vergleich zu früheren Aufschwungphasen kommt das Inland aber nur ganz langsam in Fahrt. Wachstumsbremse in Deutschland sind nach wie vor die Verbraucher. „Sorgenkind und Achillesferse der deutschen Konjunktur bleibt der Konsum“, sagt der Präsident der Deutschen Bundesbank, Axel Weber. Andere Ökonomen sprechen vom Konsum als „Hemmschuh“ oder „Trauerspiel“. Die Verbraucher lassen einfach nicht die Kassen klingeln. „Den Konsumenten bleibt zu wenig Geld in der Tasche“, sagt Volkswirt Solveen. „Die verfügbaren Einkommen stagnieren und werden auch 2006 kaum steigen.“

Die hohen Öl- und Benzinpreise ziehen den Verbrauchern seit Monaten das Geld aus der Tasche, der zum 1. Juli gestiegene Krankenkassenbeitrag ist eine zusätzliche Last, und viele Menschen sind aus Angst vor Jobverlust und Arbeitslosigkeit verunsichert. Wegen des schrumpfenden Konsums gelten die Chancen für einen selbsttragenden Aufschwung als gering. Zum dritten Mal in den vergangenen vier Jahren dürfte der private Verbrauch 2005 das Wachstum ausbremsen.

Einen Konsumaufschwung sehen die meisten Experten auch für 2006 nicht. Sie erwarten nur einen leichten Schub durch die Fußball- Weltmeisterschaft sowie vorgezogene Käufe bei Autos, Möbeln und Haushaltsgeräten mit Blick auf die für Anfang 2007 geplante Mehrwertsteuer-Erhöhung. „Die Steuererhöhung wird die Psychologie in Deutschland 2006 zwar positiv beeinflussen - aber 2007 kommt sie als Bumerang zurück“, warnt der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater.

Die mittelfristigen Aussichten für die Konjunktur bleiben daher gedämpft. Das Wohl und Wehe der Wirtschaft hängt vom Export ab - damit bleibt die Wirtschaft anfällig. Die weiterhin hohen Ölpreise, die im Sommer auf 70 Dollar je Barrel schnellten, sind ein Risiko. Im Gesamtjahr werden sie das Wachstum in Deutschland um 0,3 Prozentpunkte bremsen.

Im Wechsel von Aufholrallyes und Rückschlägen geht es langsam bergauf. „Mit dem Schwung aus dem zweiten Halbjahr dieses Jahres kann die Wirtschaft 2006 wieder richtig durchstarten“, sagt der Chefvolkswirt der Dresdner Bank/Allianz-Gruppe, Michael Heise. Im nächsten Jahr soll die Konjunktur um 1,2 bis 1,5 Prozent wachsen nach 0,8 Prozent in diesem Jahr. Dann wird sich laut Heise auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Mit 300 000 mehr Erwerbstätigen werde die Arbeitslosenquote von 11,7 auf 11,4 Prozent sinken.

Insgesamt schafft Deutschland derzeit eine „vernünftige Wachstumsrate“: Seit Jahresbeginn hat die Wirtschaft in jedem Quartal durchschnittlich um 0,4 Prozent zugelegt. Damit liegt die größte Volkswirtschaft Europas aber nur im europäischen Mittelfeld. Nach Einschätzung der fünf „Wirtschaftsweisen“ gibt es nur eine Medizin, die die Wachstumsschwäche überwinden könnte: Weitere umfassende Reformen am Arbeitsmarkt, bei den Sozialversicherungen und beim Föderalismus.

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