Börsen in Aufruhr
Trichet sieht „schwerste Krise seit Zweitem Weltkrieg“

EZB-Präsident Trichet verteidigt den Kauf von Staatsanleihen gegen alle Kritiker. Er will Vertrauen in die Finanzmärkte schaffen. Koste es, was es wolle. Für Panik gibt es jedoch keinen rationalen Grund, sagen Ökonomen.
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Düsseldorf/Bielefeld/Osnabrück/BerlinDer Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Dienstag den Aufkauf spanischer und italienischer Staatsanleihen zur Stützung der Märkte verteidigt. „Es ist die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und es hätte die schwerste Krise seit dem Ersten Weltkrieg werden können, wenn die Führung diese wichtige Entscheidung nicht getroffen hätte“, sagte Jean-Claude Trichet dem französischen Rundfunksender Europe 1. Trichet bestätigte zwar nicht direkt, dass die EZB Anleihen aus Spanien und Italien aufkauft, und sagte lediglich, die Bank sei auf dem Sekundärmarkt aktiv. Die Entwicklung der Zinsen für italienische und spanische Staatsanleihen zeigte jedoch, dass die EZB Schuldverschreibungen beider Länder vom Markt nimmt.

Der Ankauf weiterer Anleihen ist nicht unumstritten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der ebenfalls im EZB-Präsidium sitzt, gilt als Kritiker dieser Maßnahme. Er sieht die Preisstabilität in der Euro-Zone langfristig gefährdet. Weidmann schwieg gestern aber zu den Anleihekäufen, um den Erfolg des Eingriffs nicht zu gefährden.

Der Zinssatz für spanische Papiere mit einer zehnjährigen Laufzeit sank am Dienstag auf unter fünf Prozent. In der vergangenen Woche hatte er noch bei 6,5 Prozent gelegen. Auch der Zinssatz auf italienische Anleihen fiel um mehr als einen Prozentpunkt auf 5,1 Prozent. Am kommenden Montag will die EZB bekannt geben, wie viele Staatsanleihen sie aufgekauft hat. Wie lange die EZB noch Anleihen auf dem Sekundärmarkt aufkaufen will, sagte Trichet nicht. Er betonte jedoch, dies sei eigentlich Aufgabe der Regierungen, die dies „so rasch wie möglich“ tun müssten. Dafür müssen die nationalen Parlamente der Eurozone jedoch zunächst die auf dem Gipfel vom 21. Juli beschlossenen Änderungen des Rettungsschirms EFSF billigen.

Trichet sagte, die „unkonventionelle“ Entscheidung der EZB, Staatsanleihen vom Markt zu nehmen, solle das Vertrauen in dieses Finanzsystem wiederherstellen. Nach dem schwarzen Montag, an dem der deutsche Aktienindex Dax fünf Prozent und der US-Leitindex Dow Jones sogar 5,6 Prozent verloren hatten, geht es heute weiter abwärts: Momentan notiert der Dax noch einmal 1,7 Prozent tiefer, in der Spitze gab er sogar über sechs Prozent nach. In der vergangenen Woche war er bereits um rund 13 Prozent eingebrochen - ein Absturz von rund 25 Prozent in den vergangenen zehn Tagen.

Schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg? Trichet findet drastische Worte. Doch selbst die schlechten Konjunkturdaten, die Herabstufung der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's und die schwelende Schuldenkrise in Europa können den Ausverkauf nicht annähernd erklären.

Führende Ökonomen sehen denn in dem jetzigen Börsencrash einen weiteren Beleg für das was Alan Greenspan, Ex-Chef der US-Notenbank Federal Reserve einst "irrational exuberance", irrationalen Überschwang der Märkte genannt hat: So sieht der Wirtschaftsweise Peter Bofinger keinen rationalen Grund für den aktuellen Kursturz an den Börsen.

Die Aktienmärkte hätten zwar „die konjunkturelle Wende verschlafen und reagierten jetzt umso panischer“, sagte der Ökonom der Neuen Westfälischen Zeitung. Aber die „fundamentalen Daten der Volkswirtschaft“ rechtfertigten keinen solchen Kurzsturz. Bofinger sieht hier „psychologische Faktoren, insbesondere das Herdenverhalten“ am Werk.

Die Erklärung ist so einfach wie dramatisch: Hat eine Panik erst einmal begonnen werden die Anleger zu Gefangenen des Marktes. Sie müssen im Strom mitschwimmen und verkaufen, wenn sie ihr Vermögen nicht verlieren wollen. Denn wenn sie zögern während alle anderen flüchten, bleiben sie am Ende auf wertlosen Papieren sitzen oder haben zumindest einen Großteil ihres Geldes verloren. Der Markt bewegt sich in einer Panik wie eine trampelnde Büffelherde nur noch in eine Richtung: Niemand würde es wagen, plötzlich stehenzubleiben und sich gegen den Strom zu stellen - er würde niedergewalzt.

Das Verheerende daran: Der Absturz wird nur durch die Erwartungen der Anleger erst Realität, wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Denn auch wenn ein Investor selbst gar nicht panisch verkaufen will, ist es das Beste für ihn sich der Hysterie anzuschließen, um sein Geld zu retten. Das Herdenverhalten macht die Panik für jeden Einzelnen rational - für alle Anleger aber vernichtend.

Das Märkte-Chaos ist geradezu aberwitzig, sagte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Handelsblatt Online bereits am Freitag vor der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poors. In der Woche zuvor hatte der Dax rund 13 Prozent eingebüßt.

Der Kursrutsch an den internationalen Börsen sei nicht durch ein besonderes Vorkommnis oder neue Informationen zu erklären, sondern einzig dadurch, dass sich an den Finanzmärkten neue Bewertungen bekannter Fakten durchsetzen, konstatierte Hüther. Besonders verwundere, dass gerade in dem Maße, in dem die Staaten das Schuldenproblem angehen und Maßnahmen auf den Weg bringen, die Märkte und die Ratingagenturen solche dramatischen Reaktionen zeigen. Hüther wurde deutlich: Wer argumentiere, dass die Kapitalmärkte (und die Ratingagenturen) informationseffizient seien, sei entweder blind oder naiv.

Das meint auch DIHK-Präsident Hans-Heinrich Driftmann: Trotz der drastischen Kursabstürze und der Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit sieht er keinen Anlass für Katastrophenszenarien. Die Nervosität an den Finanzmärkten spiegele nicht die weltwirtschaftliche Realität wider, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung".

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Trichet sieht „schwerste Krise seit Zweitem Weltkrieg“

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Die Finanzkrise, nicht die Schuldenkrise ist verantwortlich für den Crash

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  • Die grösste Krise seit dem 1. Weltkrieg, wenn Monsieur Trichet keine italienischen Staatsanleihen gekauft hätte? Das ist eine Verhöhnung der 30 Millionen Toten des letzten Weltkriegs und des unermesslichen Leidens von vor 60 Jahren! Kann man nur als letzten Beweis nehmen, dass dieser Herr seinen Kopf völlig verloren hat. Und dieser Herr will nun ein europäisches Finanzministerium und die Transferunion, damit der Club Med permanent Ferien zu Lasten von D, A und NL machen kann... Nomen est omen: "Tricher" auf französisch heisst "schummeln". Wann hört diese Selbstüberheblichkeit der nicht gewählten Politiker und Bürokraten wie Barroso oder van Rompuy endlich auf???

  • Sie glauben, dieser Mechanismus würde zukünftig immer funktionieren, weil es in der Vergangenheit immer so war ?
    Warten wir es ab.

  • HB schreibt über die Aktionäre: "Sie müssen im Strom mitschwimmen und verkaufen, wenn sie ihr Vermögen nicht verlieren wollen. Denn wenn sie zögern während alle anderen flüchten, bleiben sie am Ende auf wertlosen Papieren sitzen oder haben zumindest einen Großteil ihres Geldes verloren." Das stimmt so nicht, außer wenn die Firma nichts taugt (wie seinerzeit am Neuen Markt). Wenn es eine Firma mit Substanz ist, wird der Kurs früher oder später wieder ansteigen, z.B. wegen der Dividendenrendite. "Niemand würde es wagen, plötzlich stehenzubleiben und sich gegen den Strom zu stellen - er würde niedergewalzt." Das ist falsch: Es gibt nicht nur Leute, die nicht verkaufen, sondern auch Leute, die gerade nun KAUFEN. Wenn es keine Käufer gäbe, würde der Kurs schlagartig auf Null fallen. Die zitierten Sätze enthalten ein Missverständnis, welches für das aktuelle Chaos mitverantwortlich ist.

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