Brageldhaltung zieht kräftig an
EZB-Daten signalisieren noch keine Kreditklemme

Die jüngsten Zahlen zur Entwicklung der Geldmenge und der Kreditvergabe im Euro-Raum reflektieren zwar ein Nachlassen der wirtschaftlichen Aktivität, Hinweise auf eine Kreditklemme geben sie nach Meinung führender Volkswirte aber noch nicht. Experten erwarten aber, dass Kreditangebot und-nachfrage in den kommenden Monaten zurückgehen.

FRANKFURT. "Von einer dramatischen Entwicklung kann überhaupt keine Rede sein", sagte Manfred J.M. Neumann, Wirtschaftsprofessor in Bonn, dem Handelsblatt. Joachim Fels, Chefökonom von Morgan Stanley, erwartet allerdings, "dass sich das Kreditangebot und auch die-nachfrage in den nächsten Monaten weiter abschwächt". Die Rezession werde die Nachfrage drücken und die Banken würden in der Kreditvergabe noch vorsichtiger werden.

Wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag mitteilte, sind die Kredite an den privaten Sektor im Oktober saisonbereinigt zwar nur mit einer Jahresrate von 7,8 Prozent gestiegen, nachdem der Vergleichswert im September noch bei 8,5 Prozent gelegen hatte. Allen Verknappungsängsten zum Trotz legten die Kredite aber im Oktober im Vormonatsvergleich noch um 0,3 Prozent zu.

Wie sich die zusätzliche Kreditvergabe saisonbereinigt auf private Haushalte und Unternehmen aufteilt, weist die EZB nicht aus. Auf Basis nicht saisonbereinigter Daten stiegen die Kredite an Unternehmen im Vorjahresvergleich aber immerhin noch um 11,9 Prozent, nach 12,2 Prozent im September.

Die Jahreswachstumsrate der Geldmenge M3 ist im Oktober indessen mit 8,7 Prozent gegenüber dem Vormonat konstant geblieben. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, warnt aber vor Fehlinterpretationen. Der starken Wachstumsrate von M3 lägen keine frischen Kredite zugrunde, sondern vielmehr Umschichtungen. Die Geldmenge M3 nehme nämlich auch dann zu, wenn langfristige Anlagen in kurzfristige umgetauscht würden, die Teil von M3 seien.

Kater hält es für "übertrieben und verfrüht", die jüngsten Zahlen überzubewerten. Daraus lasse sich noch kein neuer Trend ableiten. "Gleichwohl muss man die Kreditvergabe sorgfältig beobachten, weil sie die realwirtschaftliche Entwicklung widerspiegelt", sagte er. Ein deutlicher Rückgang der Kredite in den kommenden Monaten würde die eingetrübten Konjunkturerwartung bestätigen.

Nach Ansicht von Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, ist der starke Anstieg der Bargeldhaltung im Oktober bereits ein Hinweis auf die Krise. Der Bargeldumlauf stieg um 13,0 Prozent nach 8,2 Prozent im September. "Offensichtlich wird zur Zeit mehr Bargeld als üblich gehalten", sagte er.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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