Britischer Notenbanker warnt vor Rezession
Schlechte Signale von der Insel

Die Hinweise verdichten sich: Die Immobilienkrise belastet zunehmend die britische Wirtschaft. Millionen Briten bekommen die Auswirkungen schon jetzt schmerzhaft zu spüren. Und nach den neuen Häuserpreisdaten benutzt auch die Bank of England dramatischeres Vokabular.

HB LONDON. Um bis zu dreißig Prozent könnten die Häuserpreise in den kommenden zwei bis drei Jahren in Großbritannien noch fallen, befürchtet David Blanchflower, Mitglied der Bank of England. Dem Land drohe eine Rezession. „Es besteht dringender Handlungsbedarf.“

Die Warnung sorgt für Aufsehen und kommt nicht von irgendwem: Blanchflower gehört zu dem neunköpfigen Gremium der Bank of England, das die Leitzinsen festlegt. Die Warnung des Notenbankers klingt dramatisch. Doch Blanchflower meint, dass die Entwicklung noch aufgehalten werden kann. Eine Korrektur bei den Immobilienpreisen um ein Drittel sei in den kommenden zwei oder drei Jahren möglich, sagt Blanchflower. Dies müsse nicht notwendigerweise geschehen. „Eine Zinssenkung kann vielleicht helfen, solch einen dramatischen Rückgang zu verhindern.“

Doch die Zinssenkungen der Bank of England sind bislang fast wirkungslos verpufft, weil die Geschäftsbanken die Verbilligung der Kredite nicht an ihre Kunden weiterreichen. Die Subprime-Krise hat die Banken so misstrauisch gemacht, dass sie sich gegenseitig kaum noch Geld leihen wollen. Und weil die Banken am Geldmarkt keinen Kredit mehr bekommen, können sie auch selbst weniger Kredite vergeben. First Direct, eine Tochter von Europas größtem Geldhaus HSBC, will neuen Kunden sogar gar keine Hypothekendarlehen mehr gewähren.

In Großbritannien sind die Immobilienpreise im April gesunken. Nach Angaben des britischen Immobilienfinanzierers Nationwide fielen die Häuserpreise zum Vormonat überraschend deutlich um 1,1 Prozent nach revidiert 0,7 Prozent im März. Dies ist der sechste Monatsrückgang in Folge. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gingen die Häuserpreise um ein Prozent zurück, was der erste Jahresrückgang seit 1996 ist. Analysten zeigten sich überrascht über den schnellen Preisverfall und warnten, dass das Schlimmste noch bevorstehe.

Untermauert wurde diese Einschätzung durch den Index von GfK/NOP zum britischen Verbrauchervertrauen, der im April mit einem Minus von 24 Zählern auf den tiefsten Stand seit November 1992 einbrach. Im März lag der Index noch bei einem Minus von 19 Punkten. Die britischen Verbraucher seien besonders wegen des Zustands ihrer Volkswirtschaft und der persönlichen finanziellen Lage besorgt. In Großbritannien besitzen etwa Zweidrittel der Bevölkerung ein eigenes Haus. Der Rückgang der Immobilienpreise betrifft daher eine große Mehrheit.

Die Preis-Spirale ist unterbrochen

Die unerwartet schwachen Konjunkturdaten dürften den Druck auf Premierminister Gordon Brown erhöhen, dem bei den Regionalwahlen am Donnerstag ohnehin eine Schlappe droht. In einem Interview mit der BBC bekräftigte der Regierungschef, dass die Bekämpfung der Finanzkrise und die Belebung des Immobilienmarkts für ihn oberste Priorität hätten.

Der Häusermarkt spielt eine ausgesprochen wichtige Rolle für das britische Wirtschaftswachstum. Bei einer hohen Eigentumsquote sind in den vergangenen 15 Jahren die meisten Briten immer vermögender geworden, weil ihre Häuser Jahr für Jahr kräftig im Wert stiegen. Zweistellige Zuwachsraten waren keine Seltenheit. Das nutzten die meisten Haushalte, um ihre Hypothekenkredite zu erhöhen und mehr zu konsumieren – in der Erwartung, dass die Hauspreise immer weiter steigen würden. Doch diese Spirale ist unterbrochen.

Niedrige Häuserpreise und die gestiegene Risikoscheu der Banken dürften nun dazu führen, dass Anschlussfinanzierungen nur noch zu deutlich schlechteren Konditionen zu bekommen sind. Allein im laufenden Jahr müssen über 1,4 Millionen Festzinshypotheken neu verhandelt werden.

Volkswirte befürchten, dass die schlechte Stimmung am Immobilienmarkt schnell auf die hochverschuldeten Verbraucher durchschlagen wird, und die Konsumausgaben einbrechen. Nach einem robusten Wirtschaftswachstum von drei Prozent im vergangenen Jahr prognostiziert der Internationale Währungsfonds für 2008 nur noch eine Wachstumsrate von 1,6 Prozent für Großbritannien . Aber auch eine Rezession halten viele Analysten – und nun auch Notenbankmitglieder – inzwischen nicht mehr für ausgeschlossen.

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