Bundestagswahl
Was der SPD zum Wahlsieg fehlt

Die SPD steckt in der Zwickmühle. Wichtige Milieus fühlen sich von der Partei nicht richtig angesprochen und vermissen authentische Personen. Die Bundestagswahl könnte für die Sozialdemokraten zur Katastrophe werden. Dabei gäbe es für die SPD ein gutes Thema, mit dem sie bei den Bürgern punkten könnte.
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BERLIN. Es ist eine Szene aus dem Jahr 2004, die erklärt, warum die SPD heute im Umfragetief steckt. Als Gerhard Schröder nach Afrika reiste und ihn dort ein Staatsoberhaupt begrüßte, dankte der damalige Bundeskanzler, zeigte auf seinen Begleiter und sagte: „Das ist der Sommer, der macht mir in Deutschland nur Ärger, den könnt ihr gerne hier behalten.“ Der flapsige Satz regt Michael Sommer, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, heute noch auf.

Seit den Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder 2003 stehen die Gewerkschaften nicht mehr zur SPD. Die Arbeiterbewegung aber gehört zu den wichtigsten Multiplikatoren im Land, erreicht viele Menschen, die die gebildeten Sozialdemokraten an Straßenständen oder auf Großveranstaltungen kaum mehr erreichen. Bei der Bundestagswahl wollen nur 33 Prozent der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter die SPD wählen.

Die Gewerkschaftsfunktionäre, die Betriebs- und Personalräte waren es lange Zeit, die die Stimmungen an der Basis aufgefangen und in die Partei getragen haben. Mit dem Bastastil Schröders und der später von Franz Müntefering durchgesetzten Rente mit 67 ist das vorbei. Auch Kandidat Frank-Walter Steinmeier vertrat die Politik. „Uns fehlen an vielen Stellen die Sender“, heißt es heute in der SPD. Neue Personen und neue Formen der Ansprache müssten her.

Und obendrein ein Thema. Kämpften die Parteien früher um die Arbeiter, die Rentner, die Reichen oder die Armen, so untersuchen Forscher heute Milieus und Lebenswelten, die auch bei Rentnern oder Arbeitern sehr vielfältig sein können. Zehn Milieus gelten heute als gesichert, von denen Union und SPD so viele wie möglich ansprechen müssen, um Volkspartei zu sein. Beide kommen auf knapp 70 Prozent der Wählerstimmen, früher waren es 90.



Im Zentrum steht die Bürgerliche Mitte, um die sich dann die anderen Gruppen, von der ordnungsliebenden Unterschicht (Traditionsverwurzelte) bis zu den aufgeschlossenen Gutverdienern (moderne Performer) scharen (siehe „Deutschlands Wähler – eine bunte Mischung“).

„Weil die SPD am breitesten in die Milieus ausstrahlt, ist es eine größere Herausforderung, eine Kampagne zu gestalten, die möglichst viele gleichermaßen anspricht“, sagt Wahlkampfmanager Karl-Josef Wasserhövel. Sie sei keine Addition von Einzelinteressen.

Da liegt das Problem. „Die SPD muss seit den 80er-Jahren zwei Welten vereinen“, sagt Wolfgang Plöger vom Institut Sinus Sociovision, das die Milieus entwickelt hat. Da ist auf der einen Seite die klassische Arbeiterwelt und auf der anderen die 68er-Generation, die die Öffnung der Universitäten genossen hat und heute zu den Postmateriellen zählt, die auf Gerechtigkeit und Teilhabe setzen. „Die SPD braucht ein Thema als verbindende Brücke, um diese unterschiedlichen Lebenswelten von Arbeitern und Intellektuellen zu verbinden“, sagt Plöger.

Willy Brandt hat es geschafft, auch Gerhard Schröder sprach 1998 die bürgerliche Mitte an, die auf Sicherheit setzt. Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering aber fehlen Thema – und Personen. Sie warnen vor Schwarz-Gelb und arbeiten sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel ab, die mit Ursula von der Leyen und Karl-Theodor zu Guttenberg erfolgreich in der bürgerlichen Mitte nach Stimmen fischt.

Dabei gäbe es für die SPD ein gutes Thema: die Finanzkrise. Anfang des Jahres hatte das Sinus-Institut ermittelt, dass die Menschen aller Milieus über Banker-Boni und Milliardenhilfen schimpfen. Kandidat Steinmeier aber setzte auf den Arbeitsmarkt. Für den Krisenhelden Peer Steinbrück ist da kein Platz. Harte Finanzmarktregeln und Kapitalismuskritik? Fehlanzeige. „Die SPD hat eine große Chance vertan mit dem Thema und der glaubhaften Person Wähler zu binden“, sagt Plöger.

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