Business-Monitor Indien
Im Sog des Subkontinents

Indien ist in. Das aufstrebende Schwellenland lockt verstärkt deutsche Unternehmen. Sie exportieren und investieren so viel wie noch nie – und wollen ihr Engagement noch weiter ausbauen, wie eine Handelsblatt-Umfrage zeigt. Allerdings: Indien rollt längst nicht allen Firmen einen roten Teppich aus.

FRANKFURT/DELHI. Bernhard Steinrücke kennt beides: die Interessen deutscher Unternehmen und die Stärken des Standortes Indien. Das Land biete vor allem einen „gigantischen Binnenmarkt“ – und der lockt immer mehr Firmen an, beobachtet der Leiter der deutsch-indischen Handelskammer. Wie sehr Indiens boomende Wirtschaft die Aufmerksamkeit deutscher Manager weckt, zeigt auch eine exklusive Umfrage unter knapp 800 Spitzenmanagern. Das Marktforschungsunternehmen Psephos hat sie im Auftrag des Handelsblatts und der Unternehmensberatung Droege und Comp. vom 15. bis 30. August interviewt.

Der aufstrebende Standort lockt vor allem deutsche Großunternehmen verstärkt an. Während für über die Hälfte der Unternehmen mit mehr als 5 000 Beschäftigten Indien in den vergangenen drei Jahren als Absatzmarkt an Bedeutung gewonnen hat, geben das bei kleineren Firmen mit 100 bis 500 Beschäftigten lediglich zehn Prozent an, bei den Unternehmen mittlerer Größe sind es knapp ein Viertel der Befragten. Besonderes Interesse zeigen dabei die Metall- und Elektroindustrie sowie der Fahrzeug- und Maschinenbau. In diesen Branchen hat gut ein Drittel aller Firmen Indien zunehmend als Absatzmarkt im Visier.

Im Durchschnitt aller Unternehmensgrößen und Branchen geben allerdings 70 Prozent der deutschen Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten an, das Land mit mehr als einer Milliarde Einwohnern sei für sie (noch) kein Absatzmarkt. Und knapp 60 Prozent erwarten, Indien werde es „auch künftig“ nicht für ihr Unternehmen werden.

Wie unterschiedlich die Manager großer und kleiner Unternehmen die Bedeutung Indiens einschätzen, zeigt sich auch bei der Frage, ob der Standort als Beschaffungsmarkt in den letzten drei Jahren für sie an Bedeutung gewonnen hat. Während 44 Prozent der großen Unternehmen einen Bedeutungsgewinn angeben, sind es nur 14 Prozent der kleinen und 25 Prozent der mittelgroßen. Vor allem bei techniklastigen, komplexen Produkten genießt Indien Vorteile: Fachkräfte sind günstig, kompetent und zahlreich.

Dass hiesige Firmen zunehmend von Indiens Aufschwung profitieren, belegen auch Handelszahlen: Allein vergangenes Jahr stiegen die deutschen Ausfuhren in das Land um die Hälfte. Viele können den Markt nicht länger von außen bedienen. „Immer mehr Firmen wagen den Neueinstieg oder bauen ihre Präsenz aus“, sagt der Indienbeauftragte im Asien-Team von Droege & Comp, Dirk Müller. Das gilt auch für die Unternehmensberatung selbst: Anfang des Jahres eröffnete sie in Bombay ihr viertes Büro in Asien nach Singapur, Hongkong und Schanghai. „Wir folgen den Investitionsströmen unserer Kunden“, erklärt Müller. Diese steigen insgesamt deutlich – doch auch hier klafft das Engagement kleiner und großer Firmen weit auseinander: 14 Prozent aller Befragten wollen in den kommenden zwölf Monaten investieren – bei Großunternehmen sind es zwei Drittel. Laut Droege warten gerade Mittelständler ab, ob Indien Bringschulden einlöst und sich das Investitionsklima bessert.

Denn das Land mag boomen, doch es rollt Firmen keinen roten Teppich aus. „Die Geschäftsetablierung bleibt schwierig“, meint Müller. Aus dem Ruder laufende Zeitpläne, schlechte Infrastruktur und bürokratische Hürden zählt Steinrücke als häufigste Beschwerden deutscher Unternehmer vor Ort auf. Doch hätten sie erste Probleme überwunden, seien die meisten hochzufrieden. Was sich wandelt, sind Markteintrittsstrategien: Eine Reihe von Deutschen sind in Indien mit Joint-Ventures vertreten. In Zeiten, als das Land weniger offen war als heute, waren viele zu dieser Konstruktion gezwungen. Weil sich Gemeinschaftsunternehmen aber oft als problematisch erweisen, geht der Trend inzwischen in eine andere Richtung: „Neun von zehn Neuanfängern gründen eigenständige Töchter“, beobachtet Kammer-Chef Steinrücke. Droege-Berater Müller erkennt darüber hinaus einen Trend zum Auflösen bestehender Joint Ventures. Das könne nach indischem Recht zwar problematisch und teuer sein, ergebe aber in den meisten Fällen Sinn.

Der Zufluss deutscher Investitionen dürfte weiter anziehen. Denn hiesige Firmenlenker sind sich einig, dass Indien in den kommenden Jahren eine wachsende Rolle auf dem Weltmarkt spielen wird. Mit 96 Prozent rechnet eine breite Mehrheit quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen damit, dass es stark (40 Prozent) oder zumindest etwas (56 Prozent) an Bedeutung gewinnen wird. Als Folge dürfte die Anziehungskraft des Marktes in den kommenden zehn Jahren nahe an China heranrücken. Sieben Prozent der Befragten erwarten sogar, dass Indien für ihr Unternehmen wichtiger wird. Ein weiteres Viertel glaubt, dass das Land „ähnlich wichtig“ werde wie die Volksrepublik, für sechs Prozent ist das bereits der Fall.

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