Fachkräftemangel in Deutschland
Verpasste Chancen

Der Fachkräftemangel in Deutschland nimmt bedrohliche Ausmaße an. Weit über die Hälfte aller Großunternehmen sucht einer Handelsblatt-Umfrage zufolge derzeit händeringend nach Experten. Aus Sicht von Führungskräften wird sich die Lage noch verschlimmern. Und die Manager rechnen vor, was sie das Fehlen von qualifiziertem Personal kostet.

FRANKFURT. Angenehmer hätten die Nachrichten kaum sein können, die VDMA-Präsident Dieter Brucklacher in der vergangenen Woche zu seinem Abschied verkündete: „Dieses Jahr ist für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau eines der besten in der Nachkriegszeit.“ Wie groß die Probleme sind, die der Erfolg der Branche beschert, weiß der scheidende Verbandspräsident aber ebenso gut wie sein Nachfolger Manfred Wittenstein: Der Mangel an Fachkräften war nie so groß wie heute.

Die Ergebnisse des Business-Monitors, einer Umfrage des Handelsblatts, belegen das eindeutig: Drei von fünf Top-Managern (59 Prozent) aus deutschen Unternehmen ab 100 Beschäftigten suchen händeringend nach Fachkräften für ihre Betriebe. Je größer das Unternehmen, desto drängender das Problem: Während 57 Prozent der kleinen Firmen (100 bis 500 Beschäftigte) über zu wenige Fachkräfte klagen, bemängeln das 71 Prozent der Großunternehmen ab 5 000 Mitarbeitern. Insbesondere die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie und des Fahrzeug- und Maschinenbaus sind betroffen: Hier klagen drei von vier Firmen über Fachkräftemangel.

Das Problem kennt auch keine regionalen Grenzen. In zwölf der 16 Bundesländer gebe es inzwischen durchschnittlich nur einen Bewerber pro ausgeschriebene Ingenieurstelle, berichtete jüngst die Bundesagentur für Arbeit. Um Stellen zügig besetzen zu können, braucht die Nürnberger Behörde aber eine Relation von drei zu eins.

Der derzeitige Engpass wird aus Sicht der Führungskräfte noch dramatischer werden: Gut zwei Drittel der Spitzenmanager, deren Unternehmen bereits jetzt unter dem Mangel leiden, rechnen damit, dass sich das Problem verschärfen wird. Und ein Drittel der Spitzenmanager von Unternehmen, die derzeit noch keinen Engpass beklagen, erwartet, dass sie künftig betroffen sein werden. Vor allem Führungskräfte des Baugewerbes und des Energie- und Chemiesektors zeigen sich skeptisch.

Die Ursachen für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Nach dem jüngsten Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben nur 22 Prozent der Deutschen im Alter von 25 bis 35 Jahren einen Hochschulabschluss – im OECD-Schnitt dagegen ist fast jeder Dritte Akademiker. Und damit nicht genug: In den vergangenen zwei Jahren sank die Zahl der Studienanfänger in Deutschland weiter. Der Trend wird anhalten. Die meisten 15-jährigen Deutschen ziehen laut OECD ein Studium „nicht einmal mehr ernsthaft in Betracht“. Das sei „noch frappierender“, sagt OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Bildungsministerin Annette Schavan scheinen diese Prognosen nicht zu beeindrucken: Sie will „die Zahl der Hochschulabsolventen auf 40 Prozent erhöhen und gleichzeitig die Quote der Abbrecher deutlich senken“.

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