Handelsblatt Business-Monitor
Allein der Glaube an Reformen fehlt

Aus Anlass seines 60. Geburtstags wagt das Handelsblatt einen Blick in die Zukunft - und die sieht trübe aus, glaubt man den deutschen Top-Managern. Sie trauen es der politischen Elite nicht zu, die großen strukturellen Probleme der Bundesrepublik in den kommenden Jahrzehnten zu lösen.

DÜSSELDORF. Ein Land mit viel zu hoher Arbeitslosigkeit. Ein Land mit viel zu hoher Staatsverschuldung. Ein Land mit viel zu hoher Steuerlast: Das ist nicht nur die Momentaufnahme Deutschlands im Jahr 2006 – das ist auch die düstere Vision Deutschland 2025 von knapp 800 Top-Managern, die das Handelsblatt exklusiv befragt hat. Nachhaltige Reformen, die die Strukturprobleme des Landes lösen könnten, werden nach Ansicht der Spitzenmanager auch auf längere Sicht nicht umgesetzt.

So groß der Glaube der Wirtschaftselite in die eigene Leistungsstärke ist, so gering ist das Vertrauen in die Erneuerungsfähigkeit der politischen Elite ausgeprägt. Behalten die Wirtschaftslenker Recht und nehmen die Politiker in den kommenden Jahrzehnten die wichtigsten Strukturreformen nicht in Angriff, wird das Land wirtschaftlich nicht auf die Beine kommen. Von diesem Zusammenhang sind hochrangige Ökonomen wie der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, überzeugt: „Für die Zukunft Deutschlands ist es von fundamentaler Bedeutung, dass die Regierung jetzt die Kernprobleme anpackt.“ Ausreden, das Vorhaben aufzuschieben, gebe es keine, meint Snower. Im Gegenteil: „Jetzt, da sich die Konjunktur belebt, ist ein guter Zeitpunkt gekommen.“

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Die Realität sieht anders aus. Wenig spricht dafür, dass sich in absehbarer Zeit beispielsweise das Hochsteuerland Deutschland in ein Niedrigsteuerland verwandeln wird. Dieser Schritt läge im besonderen Interesse der Wirtschaft. Aber gerade hier ist die Zuversicht der Konzernlenker gering. Drei von vier Spitzenmanagern meinen: Nein, die Steuerbelastung für Bürger und Unternehmen wird in den kommenden zwei Jahrzehnten nicht grundlegend zurückgehen. Somit dürfte der Standort im internationalen Vergleich kaum an Wettbewerbsfähigkeit zulegen. Ein beunruhigendes Signal.

Denn schon heute gehört Deutschland zu den Nationen mit den weltweit höchsten Steuern. Für Kapitalgesellschaften beträgt die effektive Durchschnittsbelastung laut einer Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aktuell 36 Prozent – gemeinsam mit Spanien ist Deutschland damit Schlusslicht in der Europäischen Union.

Der Pessimismus der Wirtschaft ist auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt ausgeprägt: Das zentrale Problem des Landes wird die deutsche Politik laut der Handelsblatt-Umfrage in den kommenden zwei Dekaden nicht in den Griff bekommen. Einen nachhaltigen Abbau der Arbeitslosigkeit halten fast zwei Drittel der Befragten für „unwahrscheinlich“ – quer durch alle Branchen und alle Unternehmensgrößen.

Die Entscheider scheinen sich von der vertrackten Lage entmutigen zu lassen: Knapp fünf Millionen sind derzeit arbeitslos – noch nie haben hier zu Lande so viele Menschen einen Job gesucht wie derzeit. Was die Zustandsanalyse verschärft, ist die längerfristige Beobachtung der Zeitreihe. Denn seit den 70er-Jahren nimmt die Sockelarbeitslosigkeit stetig zu. Das bedeutet: Im Aufschwung entstehen stets weniger neue Stellen als im vorhergehenden Abschwung verloren gegangen sind.

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