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Optimismus in Britannien, Lethargie im Alten Europa

Die großen Volkswirtschaften der Europäischen Union (EU) stecken im Stimmungstief: Zur Jahresmitte 2005 hat die Unzufriedenheit der Top-Manager mit dem heimischen Standort in Deutschland, Frankreich und Italien zugenommen. Der Ausblick auf die kommenden zwölf Monate ist verhalten - lediglich in Deutschland beflügelt die Aussicht auf eine vorgezogene Bundestagswahl die Stimmung der Führungskräfte.

DÜSSELDORF. Wirklich erfolgreich gegen den Trend stemmen sich aber nur die Briten - deren Premierminister Tony Blair von den übrigen europäischen Regierungschefs häufig als kalter Neoliberaler kritisiert wird. Ganz falsch kann die Strategie der Briten aber offensichtlich nicht sein. Das zeigt die verbesserte Stimmung der britischen Manager ebenso wie ein Blick auf Wachstums- und Arbeitslosenzahlen: Mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,1 Prozent im Jahr 2005 war das Wachstum fast doppelt so hoch wie in Deutschland und in Italien. Zwar dürfte sich der Zuwachs in diesem Jahr auf rund 2,3 Prozent abschwächen, aber damit liegt das Land immer noch vor den großen kontinentaleuropäischen Volkswirtschaften.

Die niedrige britische Arbeitslosenquote, die zuletzt Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo) zufolge bei 4,5 Prozent lag, ist außer Konkurrenz. In Italien, Frankreich und Deutschland liegt sie mindestens doppelt so hoch; Deutschland ist mit einer Quote von zehn Prozent der traurige Spitzenreiter.

Für Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa bei der Deutschen Bank in London, ist der flexible britische Arbeitsmarkt die Ursache für die Wachstumsstärke. Noch heute würden die Früchte der Reformen von Margaret Thatcher geerntet. Die Folge: "Unternehmer haben weniger Hemmungen als in Deutschland, Arbeitnehmer einzustellen", sagt Mayer. Denn Entlassungen sind wesentlich einfacher.

Die Briten profitieren aber auch von einem Sondereffekt: dem in den vergangenen Jahren boomenden Immobilienmarkt. Weil die Immobilienpreise stiegen und die Zinsen gleichzeitig sanken, hatten die Verbraucher über die Umschuldung von Hypothekenkrediten mehr Geld für den Konsum übrig. Allerdings läuft der Boom inzwischen aus. Die britische Notenbank erhöht seit November 2003 kontinuierlich die Leitzinsen. Mit einem Kollaps am Immobilienmarkt rechnet Mayer allerdings nicht.

In Deutschland sind die Preise für Häuser dagegen im vergangenen Jahrzehnt tendenziell gesunken. Allerdings trägt der Konsum in Deutschland ohnehin weniger zur Wirtschaftsleistung bei als in den anderen drei großen Volkswirtschaften. Dafür hat der Industriesektor einen deutlich höheren Anteil an der Wertschöpfung. Weil die deutsche Industrie - beispielsweise der Maschinenbau - zudem stark exportorientiert ist, tragen die Ausfuhren des Exportweltmeisters Deutschland zu rund 38 Prozent der Wirtschaftsleistung bei - in den anderen drei Ländern sind es nur rund 25 Prozent. Und hier liegt die Schwachstelle des krisengeschüttelten Italien: "Italiens Wettbewerbsfähigkeit hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich verschlechtert", sagt Alfred Steinherr, Leiter der Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Derzeit steckt das Land in der Rezession - das BIP ist in zwei aufeinander folgenden Quartalen geschrumpft. Auch im Gesamtjahr dürfte die Wirtschaftsleistung sinken - um 0,5 Prozent gegenüber 2004, erwarten Ökonomen.

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