Chancen verspielt
Osteuropa im Sog der Krise

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hinterlässt beim einstigen Hoffnungsträger Osteuropa dauerhaften Schaden. Die Mehrzahl der Länder wird auf absehbare Zeit kaum zur alten Stärke zurückfinden - mit Ausnahme eines Landes.
  • 0

LONDON/WIEN. Für Erik Berglof muss die Finanzkrise ein wahrer Alptraum sein. Berglof ist Chef-Volkswirt der Staatsbank EBRD, die sich um Wiederaufbau und Entwicklung im ehemaligen Ostblock kümmert. In den vergangenen 18 Monaten stürzten viele der von ihm betreuten Länder in eine Abwärtsspirale, die sich derart beschleunigte, dass Berglof kaum mit der Senkung seiner Prognosen hinterherkam.

Im Gegensatz zu den westlichen Industriestaaten mussten viele mittel- und osteuropäische Länder beim Kampf gegen die Krise auf staatliche Konjunkturhilfen verzichten, weil ihnen das Geld fehlte. Lettland und Ungarn brachten die Verwerfungen an den Rand des Staatsbankrotts. Wie dramatisch der Absturz war, zeigt das Beispiel Ukraine. Im vergangenen November hatte Berglof für das Land noch ein Wirtschaftswachstum von rund einem Prozent für 2009 vorausgesagt. Im Mai senkte er seine Prognose auf Minus fünf Prozent. Inzwischen geht der Volkswirt davon aus, dass die ukrainische Wirtschaft um 14 Prozent schrumpft.

Die Folgen der Finanzkrise haben Osteuropa härter getroffen als jede andere Region auf der Welt. Und auch die Perspektiven sind alles andere als ermutigend. Berglof befürchtet, dass die schlimmste Rezession seit dem Zusammenbruch des Kommunismus dauerhaften Schaden hinterlassen wird. In den vergangenen Jahren war die Wirtschaft in den Ost- und mitteleuropäischen Staaten im Schnitt um zwei bis 2,5 Prozent schneller gewachsen als die im Westen. Berglof geht davon aus, dass dieser Wachstumsvorsprung zwar nicht verschwinden, aber zusammenschmelzen wird. Die Gründe: die schleppende Erholung der Exportmärkte in Westeuropa und die anhaltende Kreditklemme, weil westliche Banken weiter Kapital aus der Region abziehen.

Am Donnerstag musste Berglof seine Wachstumsprognose für die Region im laufenden Jahr noch einmal nach unten korrigieren. Die Entwicklungsbank geht jetzt davon aus, dass die Wirtschaft in den von ihr betreuten Ländern 2009 im Schnitt um 6,2 Prozent schrumpfen wird. Für 2010 korrigierte Berglof seine Prognosen allerdings zum ersten Mal seit langer Zeit nach oben. Die EBRD rechnet jetzt mit einem Durchschnittswachstum von 2,5 Prozent statt bislang 1,5 Prozent in der Region. Diese Verbesserung dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erholung nur sehr schleppend verlaufen werde und dass es enorme Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern gebe, warnte Berglof. "Es ist außerdem völlig klar, dass die sozialen Kosten der Krise, wie Unternehmenszusammenbrüche und steigende Arbeitslosigkeit, erst 2010 zu spüren sein werden." Auch Juraj Kotian, Volkswirt bei der Ersten Bank in Wien, warnt vor zu hohen Erwartungen. Erst 2011 werde zeigen, ob sich die Lage wirklich gebessert habe.

Für dieses Jahr sagt die EBRD nicht nur für die Ukraine ein Minus im zweistelligen Prozentbereich voraus. Zwischen 13 und 18 Prozent soll die Wirtschaft der baltischen Länder schrumpfen. Lettland und Litauen zählen wie Bulgarien zu jenen Staaten, die voraussichtlich auch im kommenden Jahr nicht aus der Rezession finden werden. Dafür macht die EBRD unter anderem die feste Bindung der Währung an den Euro verantwortlich. Da der Wechselkurs als Anpassungsmechanismus ausfällt, müsse die Realwirtschaft über Preise und Löhne die Last übernehmen.

Dagegen erwartet die Entwicklungsbank in international wettbewerbsfähigen Ländern wie Polen, der Slowakei oder Slowenien, die über vergleichsweise stabile Bankensysteme verfügen, im kommenden Jahr Wachstumsraten zwischen zwei und fünf Prozent.

Die Weltwirtschaftskrise hat auch die EBRD vor neue Herausforderungen gestellt. Eigentlich wollte sich die Entwicklungsbank mit ihren Krediten und Förderprojekten stärker auf Regionen wie Zentralasien oder den Balkan konzentrieren. Die Verwerfungen haben jetzt aber zur Folge, dass auch in den nächsten Jahren Geld in EU-Staaten wie Lettland oder Ungarn fließen wird, die eigentlich wirtschaftlich bereits stark entwickelt waren. Deshalb wirbt EBRD-Chef Thomas Mirow um zehn Mrd. Euro mehr Kapital für die Bank - doppelt so viel wie bisher. Mit dem derzeitigen Kapital müsste die Bank ihre Darlehen und Investitionen dieses und nächstes Jahr auf acht Mrd. Euro beschränken und danach sogar reduzieren, argumentierte Mirow in einem Brief an die 61 Trägerstaaten.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

Kommentare zu " Chancen verspielt: Osteuropa im Sog der Krise"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%