Chefvolkswirt der Deutschen Bank im Handelsblatt-Gespräch
Steiniger Weg für die Weltwirtschaft

Die Anleger an den Finanzmärkten rund um den Globus sollten sich auf schwierige Zeiten einstellen; denn die Lösung der aktuellen Finanzkrise sei ein Prozess, der mehrere Jahre hinweg anhalten wird, sagte Professor Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. "Dies wird nicht bis Weihnachten abgearbeitet sein", sagte er im Handelsblatt-Gespräch.

FRANKFURT. Die Weltwirtschaft werde als Folge des Finanzmarkt-Chaos in eine Rezession abgleiten, die auch durch das anhaltende Wachstum in China und Indien nicht verhindert werden könne, meint Walter. Die Interventionen von Staaten in das internationale Bankensystem dürften nur "eine Notlösung in einer Notsituation" sein. Sie müssten so rasch wie möglich wieder aufgelöst werden.

Er sei beim Blick in die Bilanzen von Zentralbanken derzeit äußert verwirrt. Hier seien Dinge zu erkennen, die bis vor kurzem noch als unvorstellbar galten. So habe sich die Bilanzsumme der US-Notenbank innerhalb von nur kurzer Zeit schlichtweg verdoppelt. Noch bemerkenswerter seien die drastischen Verschiebungen in der Bilanzstruktur. Plötzlich finde man dort "in diesem einstmaligen Hort der Sicherheit" nicht mehr nur solide Staatspapiere, sondern auch Aktien und Derivate. "Ja sogar dubiose Aktien und dubiose Derivate", sagt Walter. Dies müsse jedoch eine absolute Ausnahme bleiben, sagt er.

Der Wirtschaftsprofessor fordert darüber hinaus, dass die von Seiten der Notenbanken in die Finanzmärkte geschleuste Liquidität so rasch wie möglich wieder zurückgeführt wird. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass der Moral-Hazard-Gedanke - also die Neigung, sich auf Dritte (in diesem Fall nämlich auf die Regierungen und die Notenbanken) zu verlassen - in Zukunft erneut fröhliche Urstände feiere. Heute sei allerdings nicht der richtige Zeitpunkt die Frage nach der Richtigkeit der staatlichen Interventionen zu stellen. "Es ging letztlich nur darum, den Märkten die notwendige Liquidität zur Verfügung zu stellen und wieder Vertrauen herzustellen", sagt Walter.

Die Zeit für daraus abzuleitende eingehende Fragen müssten sich die Akteure zu einem späteren Zeitpunkt nehmen. Jetzt sei es alleine um die Rettung des Systems und um das Verhindern der Kernschmelze gegangen; denn es habe nicht nur ein Haus, sondern ein ganzer Stadtteil lichterloh gebrannt. Bei der künftigen Aufarbeitung der Krise sollten keine Fragen und Diskussionen ausgespart werden. Man werde sowohl das Finanzsystem eingehend auf den Prüfstand stellen, als auch über Veränderungen in der Weltwirtschaftsordnung diskutieren müssen. Walters Vorstellungen laufen darauf hinaus, dass der Staat künftig Regeln setzt und stärker als Schiedsrichter aktiv ist. "Seine Rolle als Mitspieler in der Finanzwelt sollte er allerdings so rasch wie möglich wieder auflösen", fordert der Deutsch-Banker.

In der Finanzwelt werde sich auch aus ethischer und moralischer Sicht einiges ändern. "Die Eigenliebe der Finanzmarkt-Akteure muss durch das Einziehen der vier Schranken Mitgefühl, Ethik, Regulierung und Wettbewerb begrenzt werden", fordert Walter für die Zukunft eine menschlichere Gesellschaft. Alle vier genannten Schranken sollten an den Finanzmärkten künftig flexibel und virtuos genutzt werden.

Dass ein Rückzug des Staates aus dem angeschlagenen Bankensystem ohne Schaden für die Anleger und Steuerzahler gelingen könne, hätten andere Krisen gezeigt. Der ehemalige schwedische Reichsbank-Chef habe in Washington gezeigt, dass Schwedens Interventionen am Bankenmarkt vor mehr als einem Jahrzehnt den Steuerzahler letztlich keine einzige Krone gekostet haben.

Seinerzeit habe die von der Regierung in Stockholm abgegebene Staatsgarantie sehr wohl geholfen, die Märkte zu stützen und Vertrauen wiederherzustellen. "Allerdings hat die Krise in Schweden die dortige Volkswirtschaft seinerzeit sechs bis zehn Prozent des Sozialprodukts gekostet", weist Walter auf die konjunkturellen Auswirkungen des staatlichen Rettungspaketes hin. Heute sei zu befürchten, dass die Globalökonomie ebenfalls kräftig unter der Finanzkrise leiden werde.

Man dürfe zum Beispiel nicht vergessen, dass die Banken und Finanzinstitute auf Grund der Krise tiefrote Zahlen schreiben werden und sie daher für fünf oder gar zehn Jahre hohe Verlustvorträge ausweisen können. "Die Steuerausfälle werden erheblich sein", sagt Walter auch mit Hinweis auf die geringere Kapitalertragsteuer, die gerade in den USA einen hohen Beitrag zum Gesamtsteueraufkommen leiste.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%