Commerzbank-Volkswirt Krämer
„Der Export bleibt die treibende Kraft“

Bleibt Deutschland die Konjunkturlokomotive Europas? Welche Folgen hat die neue Stärke für die Peripheriestaaten? Was bedeutet das für die Währungsunion? Im Interview mit dem Handelsblatt gibt der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, Antworten.
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Handelsblatt: Ganz Europa reibt sich verwundert die Augen angesichts des beispiellosen Booms der deutschen Wirtschaft. Wird die zweigeteilte Entwicklung Europas in den kommenden Jahren anhalten?

Jörg Krämer: Ja, dafür spricht sehr viel. Der Erfolg der deutschen Wirtschaft ist nachhaltig. Die Unternehmen in Deutschland haben sich in den vergangenen zehn Jahren einen großen Vorsprung erarbeitet und sind preislich weit wettbewerbsfähiger als ihre europäische Konkurrenz. Dieser Vorteil wird so schnell nicht schwinden, denn bis zuletzt sind die Löhne im Rest des Euro-Raums stärker gestiegen als in Deutschland. Zu der Stärke Deutschlands kommt die Schwäche einiger anderer Länder: Sie haben mit Problemen wie geplatzten Immobilienblasen und zu konsolidierenden Staatshaushalten zu kämpfen - also mit strukturellen Problemen, die sich nicht innerhalb kurzer Zeit beseitigen lassen.

Wie lange wird diese Entwicklung anhalten?

Sie kann durchaus gut fünf Jahre dauern.

Noch Anfang des Jahrzehnts galt Deutschland als "kranker Mann Europas", jetzt ist das Land Tempomacher. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die deutschen Unternehmen sind in Wachstumsmärkten wie vor allem Asien hervorragend aufgestellt, und sie bieten einen ausgeglicheneren Produktmix. Andere Länder wie Portugal produzieren zu drei Vierteln alte Industriegüter wie Textilien und bieten dadurch den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens und Osteuropas eine große Angriffsfläche. Dagegen zählt rund die Hälfte der Erzeugnisse im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland zu zukunftsfähigen Branchen wie dem Maschinenbau oder dem Automobilbau.

Die Exportstärke Deutschlands in Ehren, gestern unterstrichen neue Zahlen, dass der private Konsum einen - wenn auch überschaubaren - Beitrag zum Wachstum liefert. Wird der private Verbrauch hierzulande künftig eine größere Rolle spielen? Und: Wird das die Differenzen in Europa schmälern?

Nein, auch wenn der private Konsum nicht mehr wie in den letzten Jahren nur auf der Stelle tritt, wird der Export die deutsche Wirtschaft auch in den kommenden Jahren dominieren. Der Druck im Kessel Währungsunion wird daher zunehmen - und die Politiker Europas werden den Weg in Richtung Transferunion weiter vorantreiben.

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