Conference Board-Studie belegt Strukturwandel
Ausländisches Kapital bewirkt Produktivitätsschub in China

An den Ausfallstraßen des Pekinger Flughafens in Richtung Stadtmitte sprießen Autowaschplätze wie Pilze aus dem Boden. Der PKW-Boom im Land – 2003 wurden 80 Prozent mehr Autos verkauft – bereitet diesem Geschäft einen goldenen Boden. Beim Waschen wird Handarbeit geleistet: zehn, manchmal mehr Chinesen putzen das Fahrzeug in 60 Sekunden blitzblank, inklusive Innenraum. Waschanlagen rentieren sich in China nicht – bei einem Stundenlohn von umgerechnet zehn Eurocent.

HB PEKING. Doch das Bild trügt: Ausländische Direktinvestitionen und Reformen haben in China einen massiven Strukturwandel ausgelöst. Während im Dienstleistungssektor noch vieles beim Alten ist, hat sich die Produktivität in der Industrie deutlich erhöht, berichtet das private US-Forschungsinstitut Conference Board. Zusammen mit dem nationalen Statistikbüro Chinas hat es in einer Umfrage 51 000 große und mittelständische Firmen im bevölkerungsreichsten Land der Erde befragt. Das Ergebnis: Zwischen 1995 und 2002 – dem Jahr nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) – sind im gewerblichen Bereich 15 Mill. Jobs weg gefallen. Das waren 13 Mill. mehr als in den USA. Allein in der Textilindustrie gingen China dabei 1,8 Mill. Arbeitsplätze verloren, neun Mal mehr als in der US-Textilbranche im selben Zeitraum. 26 von Chinas 38 wichtigsten Industrien registrierten in den sieben Jahren bis 2002 Job-Verluste. Kein Wunder: In 27 Branchen nahm die Produktivität jährlich um mehr als zehn Prozent zu.

Das explosionsartige Wachstum der Industrie-Produktivität beruht auf der Modernisierung der maroden Staatsbetriebe in den 90er-Jahren. Zwischen 1995 und 2002 wurden dabei dabei zwölf Mill. Jobs zerstört, schreibt das Conference Board. Im gleichen Zeitraum hat die boomende Privatindustrie allerdings neun Mill. Arbeitsplätze neu geschaffen. Dort hat der Wettbewerb – vor allem mit ausländischer Konkurrenz – für ein Wachstum der Produktivität gesorgt. Auch die Investitionen ausländischer Investoren in China sorgen für Auftrieb bei der Produktivität. Nach Beobachtungen von Price Waterhouse Coopers haben seit 1999 vor allem drei Schritte, die China im Zuge der Öffnung der Märkte unternommen hat, der Produktivität massiv Vorschub geleistet: Die formale Anerkennung privater Firmen im Jahr 1999, der Beitritt zur WTO 2001 und der Schutz privaten Eigentums durch die Verfassung seit diesem Frühjahr. China zog deshalb im vergangenen Jahr gut 53 Mrd. Dollar an ausländischen Direktinvestitionen an – mehr als jedes andere Land der Welt.

Die modernen Fabriken internationaler Konzerne, die nach Berechnungen der Investmentbank Morgan Stanley in Hongkong zwei Drittel zu Chinas Exporten beitragen, sind nach Ansicht von Robert McGuckin, Direktor der Wirtschaftsforschung beim Conference Board und einem der Autoren der Studie, „verantwortlich für einen zunehmenden Anteil bei Chinas Industrieproduktion und Produktivitätszuwachs“. Die wachsende internationale Konkurrenz im eigenen Land zwingt aber auch die heimischen Firmen, beschleunigt zu modernisieren. So hat Chinas führender Autokonzern Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC) – einer der beiden Partner von Volkswagen in China – nach Angaben des Herstellers allein mit dem Einsatz einer neuen Design- Software seine Produktivität um 25 Prozent erhöht.

Auch das Urbanisierungs-Programm der Regierung ist förderlich. Es sieht die Verdoppelung der städtischen Bevölkerung in einem Jahrzehnt vor. Die Zahl der Chinesen, die bis 2010 aus armen Provinzen an die Boom-Küste strömen wird, entspricht der gesamten Bevölkerung Europas. Die meisten von ihnen werden im Dienstleistungsbereich oder in der gewerblichen Wirtschaft neue Jobs finden. Nach Berechnungen der Weltbank in Peking leistet ein Bauer, der in die Stadt umzieht, dort einen drei Mal höheren wirtschaftlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt.

Dass in Chinas Hinterland noch erhebliche Produktivitäts-Reserven schlummern, belegen auch die Zahlen einer Studie der Agrarfakultät an der University of California Davis. Jing Chen, einer der Autoren, rechnet vor, dass in Chinas Landwirtschaft noch 300 Mill. Menschen beschäftigt sind, die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung. Doch von 1978 bis 1996 hat sich der Wert der eingesetzten Maschinen lediglich verdreifacht. Seitdem sinkt der Produktivitätszuwachs wieder. Die Regierung will nun 18 Mrd. Dollar in die Modernisierung von Produktion und Infrastruktur im Hinterland investieren.

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