Defizit in der US-Leistungsbilanz erklimmt im dritten Quartal ein Rekordhoch
Die Vereinigten Staaten leben über ihre Verhältnisse

Die schlimmsten Befürchtungen der Ökonomen haben sich nicht erfüllt: Das Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz ist im dritten Quartal deutlich weniger stark gestiegen, als Volkswirte erwartet hatten. Mit 164,71 Mrd. US-Dollar erreichte der Fehlbetrag zwar einen Rekordwert – gegenüber dem zweiten Quartal vergrößerte er sich aber nur minimal um 0,32 Mrd. Dollar. Volkswirte hatten mit einem massiven Anstieg auf rund 171 Mrd. Dollar gerechnet.

ost DÜSSELDORF. Zudem war das Minus im zweiten Jahresviertel geringer als bislang gemeldet: Statt 166,2 Mrd. Dollar betrug das Defizit laut revidierter Zahlen nur 164,39 Mrd. Dollar, meldete das US-Handelsministerium. Der Dollar reagierte mit einem leichten Kursanstieg gegenüber dem Euro.

Volkswirte werteten den unerwartet geringen Anstieg des Fehlbetrags aber nicht als Indiz für eine Trendwende: „Die Zahlen sind eine Überraschung, aber sie ändern nicht das grundlegende Bild von sehr großen Leistungsbilanzdefiziten und dem daraus folgenden Druck auf den US-Dollar“, betonen die Ökonomen der Investmentbank Goldman Sachs in New York. In den kommenden Monaten dürfte das Defizit zudem stärker steigen, prognostizieren Volkswirte. „Wir gehen davon aus, dass sich der Leistungsbilanzsaldo bis Anfang 2005 weiter auf minus 180 Milliarden Dollar ausweiten wird“, sagt Gerald Müller von der Commerzbank. Danach könne es zwar zu einer graduellen Verbesserung kommen. „Doch die Debatte über die weltweiten Ungleichgewichte wird wohl auch im nächsten Jahr den US-Dollar belasten“, erwartet Müller.

Das gewaltige Loch in der US-Leistungsbilanz, das sich auf 5,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) summiert, gilt als eine der zentralen Gefahren für die Weltwirtschaft – denn das Defizit birgt die latente Gefahr massiver Turbulenzen auf den Devisenmärkten. Die Leistungsbilanz ist eine Gegenüberstellung aller realwirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland. Mit Abstand wichtigster Bestandteil ist die Handels- und Dienstleistungsbilanz. Ein Defizit bedeutet, das ein Land über seine Verhältnisse lebt: Die Amerikaner konsumieren deutlich mehr, als sie selbst herstellen. Dies ist nur möglich, indem sich das Land zunehmend im Ausland verschuldet. Um das derzeitige Defizit in der Leistungsbilanz zu finanzieren, müssen aus dem Ausland pro Tag unter dem Strich 1,8 Mrd. US-Dollar an Kapital ins Land fließen.

Die Folge: Die US-Auslandsschulden sind seit 1996 von fünf Prozent des BIP auf inzwischen 25 Prozent gestiegen, schätzt Goldman Sachs. „Setzt sich der derzeitige Trend fort, steigen die Verbindlichkeiten auf über 40 Prozent des BIP“, prognostizieren die Goldman-Ökonomen. Sollten ausländische Investoren das Vertrauen in die US-Wirtschaft verlieren und ihr Kapital nicht mehr in die USA pumpen, wäre ein massiver Kursverfall des US-Dollars die Folge – mit fatalen Folgen für die Weltkonjunktur. Nach Ansicht der Volkswirte der Deutschen Bank haben die Wechselkurse inzwischen die Ölpreise als Unsicherheitsfaktor Nummer eins für die Weltwirtschaft abgelöst. „Früher oder später werden ausländische Kreditgeber sagen: Genug ist genug“, fürchtet Jay Bryson, Volkswirt beim US-Finanzhaus Wachovia Corp. Allerdings gebe es derzeit keine Anzeichen, dass es schon soweit ist.

Die ausländischen Direktinvestitionen in die USA sind im dritten Quartal sogar gestiegen – von 32 Mrd. Dollar im zweiten Jahresviertel auf jetzt 53 Mrd. Dollar. „Erstmals seit Mitte 2001 flossen sogar mehr Direktinvestitionen in die USA als von den USA ins Ausland“, sagt Müller von der Commerzbank. „Offenbar sind die USA auch weiterhin ein attraktives Investitionsziel für ausländische Unternehmen.“

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