Deflation
Japan fällt zurück in eine gefährliche Abwärtsspirale

Des einen Freud, des anderen Leid. Während sich japanische Konsumenten über Billig-Angebote freuen, beklagt die Volkswirtschaft die in nahezu allen Bereichen fallenden Preise. Der Staat muss sparen – das Deflationsgespenst geht wieder um.
  • 0

TOKIO. Den Hosenkrieg fing ursprünglich Uniqlo an. Der Textildiscounter warf eine ordentliche Jeans für 990 Yen auf den Markt – umgerechnet 7,50 Euro. „Billiger geht es nicht mehr“, kommentierte damals eine Wirtschaftszeitung.

Doch das war im März. Fünf Monate später kam der Gegenschlag: Im August präsentierte die Supermarktkette Jusco ein ganzes Sortiment mit 63 verschiedenen Hosen – 880 Yen das Stück. „Ich hatte bisher nur eine einzige Jeans, aber zu dem Preis lege ich mir noch eine als Freizeithose zu“, sagt Sakamotosan, ein grauhaariger Rentner in Gabardinehose, der mit seiner Frau im Stadtteil Shinagawa bei Jusco einkauft. Doch selbst dieser Kampfpreis war keineswegs das letzte Wort. Im Oktober legte die Kramladenkette Don Quijote mit einer Teenager-Jeans nach: 690 Yen, umgerechnet fünf Euro steht auf dem Preisschild.

Bitter für die Volkswirtschaft

Herr Sakamoto freut sich zwar über die Angebote, doch für die Volkswirtschaft verheißen die billigen Hosen nichts Gutes. Denn in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt fallen praktisch alle Preise. Mieten, Benzin und Lebensmittel gibt es jeden Monat ein bisschen günstiger. Aktuelle Daten belegen den Trend: Der Verbraucherpreisindex lag im Oktober um 2,2 Prozent unter Vorjahr. „Der Abwärtsdruck für die Preise erhöht sich auf breiter Front“, sagt Ökonom Toshihiro Nagahama vom Daiichi Life Research Institute. Doch wo die Preise fallen, entsteht kein Wachstum – die Wirtschaft gerät in eine Minusspirale.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt sendet derzeit zugleich positive und negative Signale. Im Herbstquartal war sie zwar erstmals seit anderthalb Jahren wieder ordentlich gewachsen, und Zahlen vom Freitag zeigen einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 0,2 Punkte auf 5,1 Prozent. Doch das durchschnittliche Einkommen der Arbeitnehmerhaushalte ging zugleich um fast zwei Prozent zurück – die Leute haben weniger Geld in der Tasche.

Das hat vor allem mit dem Verhalten der Wirtschaft zu tun. Um wieder zu Gewinnen zurückzukehren, sparen die Unternehmen, was das Zeug hält. Vor allem die Konzerne zeigen alle das gleiche Bild: Sony senkt die Kosten dieses Jahr um 2,5 Mrd. Euro, Toyota hat noch ehrgeizigere Pläne und kürzt derzeit schon mal die Managergehälter; Nissan kappt 20 000 Jobs.

Die Yen-Stärke verstärkt die Deflation. Die Währung kletterte am Freitag auf ein Vierzehnjahreshoch zum Dollar. Die UBS spricht von einem „Teufelskreis aus Yen-Aufwertung und Deflationsdruck“. Denn je stärker der Yen, desto preiswerter werden Waren aus Übersee. An wichtigster Stelle steht hier das Öl, was den Benzinpreis drückt. Die Liste geht aber weiter über Stahl und Weizen bis zur Billigjeans. Näherinnen in Indonesien fertigen sie aus Stoff, den die Textilkonzerne in China einkaufen.

Keiner will schuld sein

Das Problem ist erkannt, doch die Meinungen gehen auseinander, was nun zu tun sei. Die Regierung macht Druck auf die Zentralbank, die Geldschleusen weiter zu öffnen. So versuchen die Politiker zugleich, der Bank von Japan die Schuld an der Misere zuzuschieben. „Doch Geldpolitik allein kann Japan gar nicht aus der Deflation holen“, widerspricht Wirtschaftsforscher Kyohei Morita von Barclays Capital. Die Wirtschaft nehme auch das billigste Geld derzeit gar nicht an – denn sie versucht ja, sich gesund zu sparen. „Konjunkturmaßnahmen wären der wirksamere Ansatz.“ So geht der Preiskrieg in der Tokioter Innenstadt weiter. Das Frühstücksfernsehen spekuliert bereits, „wenn Sie eine wirklich billige Hose haben wollen, dann warten Sie doch einfach auf die 500-Yen-Jeans!“

Finn-Robert Mayer-Kuckuk
Finn Mayer-Kuckuk
Handelsblatt / Korrespondent Peking

Kommentare zu " Deflation: Japan fällt zurück in eine gefährliche Abwärtsspirale"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%