Deflations-Gefahr gesunken
Verbraucherpreise ziehen wieder moderat an

Die Verbraucherpreise in Deutschland sind im Juni erstmals seit zwei Monaten wieder leicht gestiegen. Damit verringert sich nach Einschätzung von Volkswirten die Gefahr einer schädlichen Deflationsspirale aus sinkenden Preisen und nachlassender Wirtschaftsleistung.

Reuters BERLIN. Von Mai auf Juni seien die Lebenshaltungskosten in Deutschland nach vorläufiger Berechnung um 0,3 % gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Damit kletterte die Jahresinflationsrate auf 1,0 % nach 0,7 % im Mai. Außer für Nahrungsmittel und Pauschalreisen mussten die Verbraucher in einigen Bundesländern auch für Mineralölprodukte mehr ausgeben. Da die Teuerung in anderen europäischen Ländern stärker ist, gewinnt die deutsche Wirtschaft nach Expertenmeinung derzeit an Wettbewerbsfähigkeit.

Das Bundesamt berechnete die Teuerung im Juni auf der Basis von zuvor veröffentlichten Preisdaten aus sechs Bundesländern. Mit 1,3 % fiel die Inflation in Baden-Württemberg am höchsten aus. Eine Ursache waren im Vergleich zum Juni 2002 um 2,6 % höhere Kraftstoffpreise. Auch in anderen Ländern stiegen die Kosten für Mineralölprodukte. So waren Kraftstoffe in Brandenburg um 4,5 % teurer als im Vorjahresmonat. Im Monatsvergleich teurer waren in der Regel Pauschalreisen, die etwa in Hessen 5,1 % mehr kosteten. Im Monatsvergleich zogen die Preise insgesamt zwischen 0,1 % in Brandenburg und Hessen und 0,3 % in Nordrhein-Westfalen an.

„Für die Verbraucher ist das eine schöne Sache, weil sie effektiv mehr Geld in der Tasche haben“, sagte Julian von Landesberger von der Hypo-Vereinsbank. Ihnen komme zugute, dass bei den Tarifabschlüssen oft eine höhere Rate zu Grunde gelegt worden sei.

Zu den höheren Preisen für Rohölprodukte sagte von Landesberger, auch eine Wiederaufnahme der Ölexporte aus dem Irak müsse nicht unbedingt zu fallenden Preisen führen. Zudem könnte der Effekt sinkender Rohölpreise wieder aufgefressen werden, wenn der Euro-Kurs nachgebe. Vor dem Irak-Krieg war der Rohölpreis in die Höhe geschnellt, im Kriegsverlauf dann schnell gesunken und seit Mitte Mai wieder etwas gestiegen.

Die im Vergleich zu anderen Euro-Ländern nur geringe deutsche Teuerung wird als positiv für die heimische Wirtschaft gewertet. „Für deutsche Produkte ist das tendenziell gut, weil sie in Euro-Land wettbewerbsfähiger werden“, sagte Andreas Scheuerle von der DekaBank. Dies gelte etwa für Konsumgüter. Die DekaBank rechnet für 2003 mit einer deutschen Inflationsrate von 0,7 und in Euro-Land von 1,9 %. Im Mai lag die Jahresteuerung in Irland zum Beispiel bei 3,7 %.

Trotz des erwarteten Preisanstiegs im Juni dürfte die Diskussion um deflationäre Tendenzen in Deutschland nach Auffassung von Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank nicht vorbei sein. „Die Juni-Daten werden die Deflationsdiskussion nicht beenden, aber ihr etwas Wind aus den Segeln nehmen.“ Elisabeth Andreae von der Commerzbank verwies darauf, dass die Länderdaten die Deflationsängste nicht bestätigten.

Eine nur geringe Inflation in Deutschland würde der Europäischen Zentralbank (EZB) eine weitere Zinssenkung erleichtern. Die EZB sieht Preisstabilität in der Euro-Zone bei einer Inflation von unter zwei Prozent als gegeben an. Die DekaBank erwartet im September und im November eine Senkung des Schlüsselzinses, zu dem sich die Geschäftsbanken refinanzieren, um jeweils 0,25 %punkte. Die Hypo-Vereinsbank sieht ebenfalls im September einen Viertelpunkt und einen weiteren entweder zum Jahresende oder im ersten Quartal 2004.

Von Landesberger sagte, das Wirtschaftswachstum werde wohl schwächer ausfallen als von der EZB vorhergesagt. „Es wird noch weitere Enttäuschungen geben und die werden dazu führen, dass die EZB reagiert.“ So rechnet etwas das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) für dieses Jahr nur noch mit einer Stagnation des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland.

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