Demographie-Wende: In China werden die Arbeiter knapp

Demographie-Wende
In China werden die Arbeiter knapp

Die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter ist erstmals gesunken – eine Folge der Ein-Kind-Politik. Damit droht der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt eine Rentenkatastrophe. Doch Experten sehen auch Vorteile.
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PekingIn China ist eine Diskussion über einen drohenden Arbeitskräftemangel infolge der Ein-Kind-Politik entbrannt. Aktuellen Statistikdaten zufolge ist die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter im vergangenen Jahr erstmals gesunken. Die Wende zur Schrumpfenden Erwerbsbevölkerung kommt damit früher als erwartet – und lässt die Alarmglocken schrillen. „Wir müssen diesen Trend genau beobachten“, warnt der Direktor des Statistikbüros, Ma Jiantang. „Er gibt uns Anlass zur Sorge.“

Die Sorge ist berechtigt. Nach Berechnungen der Weltbank machte die „demographische Dividende“ ein Drittel des chinesischen Wachstums aus. Unter der „demographischen Dividende“ verstehen die Ökonomen einen Zustand mit einer großer Zahl arbeitskräftiger junger Leute und nur wenigen Kindern und Rentnern. Der große Vorrat an fleißigen Arbeitern bei geringen sozialen Kosten war es, der Chinas Aufstieg zum beliebtesten Produktionsstandort der Welt ermöglicht hat. Jetzt drohen China die Arbeiter auszugehen – dafür sind immer mehr Alte zu versorgen.

Seit 1979 dürfen chinesische Eltern in der Regel nur ein Kind haben. Der Staat hat dieses Gesetz unbarmherzig durchgesetzt und damit großes Leid über viele Familien gebracht. Doch auf der Positivseite hat die Ein-Kind-Politik einen sprunghaften Anstieg der chinesischen Bevölkerung um 400 Millionen Menschen auf 1,8 Milliarden verhindert, was eine geordnerte Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Der offiziellen Statistik zufolge ist die Zahl der Chinesen zwischen 15 und 59 Jahren nun um 3,45 Millionen geschrumpft. Möglicherweise hinken diese Werte jedoch der Realität hinterher. Dem Bevölkerungswissenschaftler Cai Fang von der Chinese Academy of Social Sciences zufolge war der Höhepunkt schon vor drei Jahren erreicht. „Die Zahl fällt bereits eine Weile“, sagt Cai.

In zehn Jahren werden in China rund 30 Millionen weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, prognostiziert der angesehene Forscher. Die Folgen seien bedrohlich: mehr und mehr Chinesen werden von teuren Transfers abhängig, die Sparrate werde sinken, das Wachstum abflachen. Die Entwicklung könne bis zu vier Prozentpunkte Wachstum kosten. Schon 2040 könnte ein Drittel der Bevölkerung im Rentenalter sein. China hätte dann plötzlich ein noch größeres Problem mit der alternden Bevölkerung als Deutschland heute.

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Antreiber des Strukturwandels

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  • Um 90% die Einwohnerzahl zu reduzieren wäre sicherlich wünschenswert, doch auf lange Zeit illusorisch. Wenn es "nur 10%" waren, hätten wir schon viel gewonnen.

    Was China anbelangt so gibt es weiterhin reichlich Humanrecourcen um uns viel zu viele zu billige Gadgets zu basteln. Die Industrialisierung wird auch vor China nicht haltmachen und dafür sorgen dass China in ein paar Jahren trotz Bevölkerungsschwundes viele arbeitslose Wanderarbeiter haben wird.

    Die Überbevölkerung muss endlich als das größte Umwelt- Wohlstands- und Sozialproblem erkannt werden das es ist.

    Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, brauchen wir schnell einen neuen neuen Planeten.

  • In dieser Frage hat China wirklich "Vorzeigecharakter", wenngleich die Entscheidung der "Bevölkerungsanzahl-Deckelung" natürlich nicht aus menschlicher Vernunft, sondern sicherlich "nationalegoistischer Not heraus geboren" wurde. Die Menschheit sollte sich ein Beispiel daran nehmen. In begrenztem Raum unbegrenzt zu wachsen, das ist der Untergang, um das zu verstehen, braucht es keine Habilitation. All unsere selbtgemachten Umwelt-/Ausbeutungs-Probleme wären gelöst, würden wir die Weltbevölkerungsanzahl auf diesem Wege um 90% zurückführen, welch traumhafter Gedanke. Das wäre weltweit auf relativer Basis z.B. quotal möglich. Die Renten- und Wachstumsfrage immer mit Bevölkerungswachstum als unabdingbar erforderlich zu verknüpfen, ist grundlegend falsch und wird perspektivisch zu unserer Selbstvernichtung führen.

  • Oh HB, oh HB, was soll man sagen, wenn man so etwas liest?

    Das HB hat es auch schon erkannt, so ungefähr ein paar Jahre, nachdem man es in China erkannt hat?

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