Der deutschen Konjunktur
Kapitalismus – eine Hassliebe

In der Krise gescholten, mittlerweile wieder hoffähig: Neue Bücher zeigen einen veränderten Blick auf das umstrittene Wirtschaftssystem. Es gibt keine bessere Alternative, lautet das Fazit der Autoren.
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DÜSSELDORF. Eine Stunde später als eigentlich gedacht muss Friedrich Merz sein Buch vorstellen. Denn zum ursprünglich vorgesehenen Termin hat nun die Kanzlerin geladen. Sie verkündet ein Milliardenpaket zur Stützung der deutschen Konjunktur. Die Wirtschaftskrise ist in Deutschland angekommen. Ausgelöst hat sie der Kapitalismus, die Gier, die er hervorgerufen hat. Und dann stellt sich Friedrich Merz hin und präsentiert sein Buch, das uns sagt, wir sollten mehr Kapitalismus wagen.

Das ist zwei Jahre her. Damals, im Oktober 2008, wirkte Merz? Beitrag wie ein Fremdkörper in einer Zeit, in der das internationale Finanzsystem gerade zusammengebrochen und die Welt in eine Wirtschaftskrise gerutscht war. Nun ist gerade die erweiterte Taschenbuchausgabe von "Mehr Kapitalismus wagen" erschienen. Und viele Autoren sind ihm in diesem Herbst gefolgt. Sie wollen den Kapitalismus wieder salonfähig machen. Denn, so sagen sie: Eine ernstzunehmende Alternative gibt es nicht.

Was sie eint: Das Thema bewegt, es weckt Gefühle. Das zeigen schon die Titel der Bücher: Von Liebe ist die Rede oder von Lügen. Kapitalismus - das ist ein emotionales Thema. Man liebt ihn oder man hasst ihn.

Merz gehört zu den Befürwortern, daran lässt er keinen Zweifel. Der Kapitalismus sei nicht das Problem, sondern Teil seiner Lösung, sagt er. Dennoch hat das Wirtschaftssystem in Deutschland einen schlechten Ruf, seit der Krise mehr denn je. Der Kapitalismus muss herhalten als Ursache aller ungelösten Probleme: Armut, Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit. Dem widerspricht Merz. Ziel seines Buches, so schreibt er, ist, "einen Beitrag zur Versachlichung und Vertiefung unserer wirtschafts- und sozialpolitischen Diskussion zu leisten".

Eines muss man dem Mann lassen, der einst die Steuererklärung auf einem Bierdeckel erklären können wollte: In leicht verständlicher Sprache nimmt er die Wirtschaftspolitik auseinander, dass am Ende nur ein Fazit für ihn stehen kann: "Nur eine marktwirtschaftliche Ordnung mit unternehmerischer Freiheit und privatem Kapital in möglichst vielen Sektoren und Systemen unserer Volkswirtschaft wird die gestellten Aufgaben bewältigen können", schreibt er. Um dann doch noch hinzuzufügen: "Dabei ist es vollkommen selbstverständlich, dass Märkte reguliert werden müssen."

In diesem Punkt sind sich alle Autoren einig. Markt ohne Staat funktioniert nicht. Zumindest nicht stabil. "Marktwirtschaft ist Investitions- und Wettbewerbsfähigkeit mit gesetzlich festgelegten Regeln", sagt Merz. "Ja zum Kapitalismus", umschreibt es der Ökonom Ha-Joon Chang. "Doch müssen wir unsere Liebesaffäre mit jenem Laissez-faire-Liberalismus beenden, welcher uns in den letzten drei Jahrzehnten einen so schlechten Dienst erwiesen hat, und eine besser regulierte Variante einführen." Der freie Markt, sagt er, sei eine Illusion. Wenn manche Märkte scheinbar frei seien, so deshalb, "weil wir die bestehenden Beschränkungen so weit akzeptieren, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen".

Das Problem sei, dass die Welt zu komplex geworden ist, schreiben die Autoren. Der Mensch als Einzelner kann die ganzen Informationen gar nicht mehr verarbeiten. Darum bedarf es einer höheren Instanz, die die Dinge ordnet. Des Staates.

Es fällt auch den Autoren schwer, den Durchblick im Dickicht des Kapitalismus zu wahren. Sie versuchen, sehr viele Aspekte in ihren Büchern abzuhandeln, und haben Schwierigkeiten, das Thema richtig abzustecken. Wenn Chang etwa die Erfindung der Waschmaschine mit der des Internets vergleicht oder er sich lustig macht über die Republikanerin Sarah Palin, die dachte, Afrika sei kein Kontinent, sondern ein Land, dann ist das zwar amüsant zu lesen. Doch es kommt die Frage auf, ob das noch vorrangig zum Thema Kapitalismus gehört.

Wie das bei Liebesgeschichten manchmal so ist, haben die Autoren teils auch einen etwas verklärten Blick auf ihr Objekt der Begierde. Der Wirtschaftsethiker Ulrich Chiwitt etwa schreibt, dass der Kapitalismus keineswegs eine exklusive Veranstaltung zugunsten der Unternehmer ist, sondern eine soziale Einrichtung zum Wohle aller. Das mag vielleicht die ursprüngliche Idee gewesen sein, wie selbst Karl Marx sie hätte gutheißen können, doch lässt Chiwitt außen vor, dass die Finanzkrise gerade aus der Gier derjenigen entstanden ist, die das Wohl aller aus dem Blick verloren hatten. Chiwitt dagegen beruft sich auf die positiven Seiten des Wirtschaftssystems: "Kapitalismus ist eine Methode, die Menschen mit all dem zu versorgen, was sie zum Leben brauchen und was ihnen das Leben angenehm macht." Die Überprüfung an der Realität bleibt er schuldig.

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  • ich denke auch, daß der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform darstellt, auch wenn menschliche Tragödien geben mag.
    Die perfekte bessere Welt gibt es nicht. Das wurde mit mehreren Millionen Toten unter verschiedenen Regimen versucht.
    Der Kapitalismus versorgt die Menschen mit allem was sie brauchen und noch mehr. Das muß man nicht wissenschaftlich belegen, sondern kann es im Alltag beobachten.
    Die banken sind nur zum Teil vom geprellten bürger getrennt. Auch er befeuert die Gier, will die höchste Rendite und Gewinnmitnahme. Wer bspw. auf eigenen Grund und boden wettet, geht Risiken ein und muß mit etwaigen negativen Konsequenzen rechnen.

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