Deutsche Wirtschaft
Ökonomen erhöhen Wachstumsprognosen

Unerwartet schnell, unerwartet kräftig: Die deutsche Wirtschaft hat die Krise abgehakt und legt beim Wachstum kräftig zu - nun zücken die Ökonomen den Taschenrechner und kalkulieren neu.
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BerlinNach dem stürmischen Auftakt der deutschen Wirtschaft im ersten Quartal erwarten viele Ökonomen für das Gesamtjahr 2011 nun ein noch stärkeres Wachstum. Fachleute von Instituten und Banken erhöhten bereits am Freitag ihre Schätzungen kräftig oder kündigten dies an. "Wir revidieren unsere Prognose von 3,0 auf 3,4 Prozent", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Ähnlich reagierte die Dekabank, die Postbank schraubte ihre Erwartung um einen halben Punkt auf 3,3 Prozent.

Optimisten spekulieren sogar erstmals seit der Wiedervereinigung über eine vier vor dem Komma. "Selbst vier Prozent sind nicht einmal völlig ausgeschlossen", sagte Allianz-Volkswirt Rolf Schneider zu Reuters Insider TV.

Die deutsche Wirtschaft wuchs im ersten Quartal mit 1,5 Prozent fast viermal so schnell wie Ende 2010 und überschreitet das Niveau aus Zeiten vor der Krise von Anfang 2008. Damit hat das Wachstum die Erwartungen weit übertroffen: Die 38 von Reuters befragten Analysten hatten im Schnitt nur ein Plus von 0,9 Prozent erwartet, selbst die größten Optimisten hatten nur plus 1,3 Prozent veranschlagt. "Deutschland ist der Wachstumsmotor unter den Industrieländern - und das nicht nur in Europa", sagte der neue Wirtschaftsminister Philipp Rösler. Analysten sehen das ähnlich. "Deutschland bewegt sich auf ein zweites Wirtschaftswunder zu", sagte Carsten Brzeski von ING. "Wir sind sehr schnell aus der Krise des Jahres 2009 herausgekommen - unerwartet schnell, unerwartet kräftig", sagte der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, in der ARD. "Und so geht es in diesem Jahr weiter."

Da das erste Quartal für die Berechnung des Gesamtjahres eine große Bedeutung hat, zücken nun die Experten den Taschenrechner und kalkulieren neu. Auch viele Forschungsinstitute wie das Berliner DIW kündigten höhere Prognosen an. Bisher rechneten die DIW-Experten mit einem Wachstum von 2,7 Prozent im Gesamtjahr. „Das werden wir wohl nach oben korrigieren können“, sagte Ferdinand Fichtner, DIW-Leiter Konjunkturpolitik. „Die Auftragslage der Unternehmen entwickelt sich weiter kräftig, sodass in vielen Branchen bald die Kapazitätsgrenzen erreicht sein dürften“, sagte DIW-Konjunkturexperte Simon Junker. Außerdem sorgen die niedrigen Zinsen nach Ansicht des Berliner Instituts für eine hohe Investitionstätigkeit der Unternehmen.

Das Kieler IfW legt Anfang Juni eine neue Schätzung vor und dürfte wohl von 2,8 auf über drei Prozent erhöhen, wie IfW-Experte Stefan Kooths erklärte.

Die Bundesregierung bleibt vorsichtig

Vorsichtig bleibt dagegen die Bundesregierung. Ihr Sprecher Steffen Seibert bezeichnete die Regierungsprognose von 2,6 Prozent nach dem überraschend guten ersten Quartal als "gut abgesichert". Der Chef der GfK-Marktforscher, Klaus Wübbenhorst, sieht die Konjunktur-Daten als Beleg dafür, dass der Aufschwung neben den Exporten auch zunehmend von der Binnenwirtschaft getragen wird. "Es zeichnet sich immer stärker ab, dass der private Konsum, der annähernd 60 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts ausmacht, zur entscheidenden Stütze der Binnenkonjunktur in diesem Jahr wird." Die Verbraucher dürften ihre Ausgaben 2011 um 1,5 Prozent steigern, vorausgesetzt, dass die Inflation nicht weiter stark steige, sagte Wübbenhorst.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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