Deutschland 2007
Wenn selbst der Knacki eine Chance bekommt

Flächendeckend klagen deutsche Unternehmen über Engpässe: Rohstoffe werden knapp, Zulieferteile lassen monatelang auf sich warten und an allen Ecken und Enden fehlt Personal. Anatomie eines Aufschwungs, der an seine Grenzen kommt.

KREFELD. Der Anruf kam aus Chile. Am Apparat war der Direktor eines Erzbergwerks, und er wollte den Chef sprechen. Persönlich, sofort. Stefan Mettler, Geschäftsführer der Gießerei Siempelkamp in Krefeld, kannte den Mann nicht. „Es war ein Kunde unseres Kunden“, erzählt er. Er wartete auf Maschinen. Doch der Hersteller konnte nicht liefern, weil Gussteile aus Krefeld fehlten. „Der Chilene wandte sich an uns mit der Bitte, dass wir unseren Kunden schnell bedienen, damit er wiederum schnell zu seinen Maschinen käme.“ Geld spiele keine Rolle, ergänzte der Anrufer. Mettler musste die Offerte ablehnen. „Wir können nichts mehr dazwischenschieben oder vorziehen. Wir sind ausgelastet. Komplett.“

Ein paar Wochen ist das her, und Mettler kann es bis heute nicht ganz glauben. „Dass der Kunde eines Kunden anruft, das war eine Premiere.“ Davon erlebt Mettler einige in diesen Zeiten: Plötzlich ist das erste Angebot, das er Kunden vorlegt, nicht mehr Grundlage harter Verhandlungen – sondern Basis einer schnellen verbindlichen Bestellung. Und Anlagenhersteller ordern nicht mehr Komponenten für eine oder zwei Anlagen, sondern für 20. Es kann aber dauern, bis sie diese bekommen. Die Gießerei, Marktführer für große und schwere Gussteile, erweitert zwar ihre Kapazitäten, baut neue Hallen und alte um. „Aber der Mangel an Arbeitskräften“, sagt Michael Szukala, in der Siempelkamp-Gruppe für die Gießerei zuständig, „schränkt uns ein.“

Verrückte Zeiten im Frühsommer 2007, im Jahr zwei des Wirtschaftsaufschwungs. Nicht nur für die Gießerei Siempelkamp. Landauf, landab sind die Fabriken ausgelastet. Es brummt wie lange nicht mehr. 2007 dürfte die Wirtschaft um 2,5 Prozent zulegen, 2008 um fast drei Prozent.

Die Arbeitslosigkeit geht im ungeahnten Tempo zurück. Im Juni dürften die Zahl der Menschen ohne Job gegenüber dem Vorjahr um 670 000 gesunken sein. Offizielle Zahlen legt die Bundesagentur für Arbeit morgen vor. Und flächendeckend klagen Unternehmen über Engpässe – Rohstoffe werden knapp, Zulieferteile lassen monatelang auf sich warten, an allen Ecken und Enden fehlt Personal. Jeder zweite Betrieb kann offene Stellen nicht besetzen, meldet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Tausende Ingenieure fehlen, rechnen Verbände vor. Selbst geringer Qualifizierte wie LKW-Fahrer sind nicht mehr zu bekommen, beklagen Unternehmen.

Der Aufschwung stößt an seine Grenzen – zumindest in Teilen der Republik. Ökonomen erklären das vor allem mit einer Kennzahl, die für Deutschland eher niedrig ausfällt: dem Potenzialwachstum. Es zeigt, wie schnell ein Land wachsen kann, ohne dass es Risiken und Nebenwirkungen wie steigende Inflation zu spüren bekommt. Lange schätzten Experten das deutsche Potenzialwachstum auf ein bis eineinhalb Prozent. Durch Arbeitsmarktreformen, geringere Steuern und Abgaben hat es sich erhöht. Aber nicht genug, um mit dem Aufschwung fertig zu werden. „Wir wachsen stärker, als das Potenzialwachstum es hergibt“, sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, „das führt zu Spannungen.“ Eine Ortsbesichtigung, wo es knirscht und knackt.

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