Deutschland
OECD warnt vor Spaltung der Arbeitsmärkte

Der deutsche Arbeitsmarkt ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten relativ stabil. Dank Kurzarbeit schneidet die Bundesrepublik günstig ab. Trotzdem droht ein neuer Anstieg. Zentrales Problem: Wenn die Zahlen erstmal steigen, kann es sehr lange dauern, bis sie wieder sinken.
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BERLIN. Der deutsche Arbeitsmarkt hält sich in der Krise bisher dank Kurzarbeit verblüffend stabil - die Hauptherausforderung für die Arbeitsmarktpolitik ist im Kern aber dieselbe wie anderswo: "Die Gefahr besteht darin, dass sich der aktuelle Anstieg der Arbeitslosigkeit verfestigt", warnte Stefano Scarpetta, Chef der Arbeitsmarktabteilung der OECD, bei einer Expertenrunde am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Ein zweites, damit verknüpftes Problem sieht Scarpetta in einer Spaltung des Arbeitsmarkts: auf der einen Seite besser qualifizierte oder rechtlich stärker geschützte Stammkräfte - auf der anderen Seite Geringqualifizierte und junge Berufseinsteiger, die immer seltener der Zugang zu einem stabilen Arbeitsverhältnis finden.

Der Datenfundus der OECD hält dafür eindrucksvolle empirische Belege bereit. Zum Beispiel baut sich Arbeitslosigkeit in konjunkturell schwieriger Zeit typischerweise viel schneller auf als später wieder ab, wie Scarpetta zeigte. In Finnland dauerte es nach einem kurzen kräftigen Anstieg der Arbeitslosigkeit in den 90er-Jahren mehr als ein Jahrzehnt bis das Ausgangsniveau wieder in Reichweite war. Selbst in den für hohe Flexibilität bekannten USA sind die Ergebnisse nur graduell günstiger. Und Deutschland kämpfte bekanntlich bis zu den Hartz-Reformen gar mit einer von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus permanent steigenden Sockelarbeitslosigkeit.

Besonders kritische Tendenzen einer Spaltung des Arbeitsmarkts sieht Scarpetta aktuell etwa in Italien und Spanien: Beide Länder verzeichnen seit der Krise nicht nur eine besonders starke Zunahme der Arbeitslosigkeit; in Spanien schoss die Arbeitslosenquote binnen Jahresfrist um mehr als drei Prozentpunkte nach oben. Überdies ist die Anpassungslast sehr einseitig verteilt - fast der gesamte Anstieg ging in beiden Ländern zulasten von Arbeitnehmern mit befristeten oder anderen "atypischen" Jobs.

Doch auch der deutsche Weg der Kurzarbeit, der international viel Anerkennung erfährt, ist nicht frei von solchen Problemen, wie in dem Expertengespräch anklang: Faktisch werden damit vor allem die Jobs derer gesichert, die im Zweifel auch sonst relativ gute Chancen auf einen neuen Einstieg hätten. Parallel wird es dagegen auch hierzulande immer schwerer, Geringqualizierten einen Weg zurück in Beschäftigung zu ebnen.

Umso mehr, folgert Scarpetta, sei nun die Zeit, um in die Qualifikation der Problemgruppen zu investieren - damit sie zumindest im nächsten Aufschwung bessere Chancen haben. Gerade vor diesem Hintergrund sieht indes der Duisburger Arbeitsmarktforscher Gerhard Bosch eine bedenkliche Tendenz seit den Hartz-Reformen: Längerfristig angelegte Qualifizierungen würden immer mehr von "Fast-Food"-Programmen abgelöst. Die leisteten aber wenig, um Beschäftigungschancen strukturell zu verbessern.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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  • Es wird Zeit den Abwärtstrend für immer zu stoppen. Dies geht aber nur wenn wir die Ursache

    beheben als immer nur die Auswirkungen zu kurieren.

    Daher möchte ich allen ein neues System, das die Ursachen angeht, ans Herz legen.

    Leider haben alle bisher bekannten Systeme / Lösungen den Nachteil nur die Auswirkungen zu

    kurieren, nicht aber die Ursache zu lösen.

    Kurz aufgelistet ein paar Systeme und deren Probleme
    * So lebt das „bedingungslosen Grundeinkommen“ von hohen Subventionen !
    * bei der sozialistischen Marktwirtschaft müssen die Eigentumsverhältnisse verändert werden!
    * Das Regionalgeld/Schwundgeld löst nicht das Ungleichgewicht zwischen import und Export.

    Die Lösung kann nur sein die Ursache des abzustellen.
    Mehr dazu unter

    http://www.arbeitslosigkeit-besiegen.de

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