Deutschlands Problem ist die Überalterung
Mehr arbeiten für mehr Wachstum

Die Amerikaner verdanken ihren Wohlstand harter Arbeit, die Europäer bezahlen ihre Freizeit mit schwacher Konjunktur.

DÜSSELDORF. Die Amerikaner sind das reichste Volk der westlichen Industriestaaten – zumindest in volkswirtschaftlichen Kategorien gemessen. Kein anderes Land außer Luxemburg hat ein höheres Pro- Kopf-Einkommen, die Bevölkerung der Euro-Zone erreicht nur 72 % des amerikanischen Niveaus. Aber nicht nur der aktuelle Wohlstand ist größer – auch die Prosperitäts-Perspektiven sind besser, weil die Wirtschaft schneller wächst. In den vergangenen zehn Jahren lag das Trendwachstum in den USA um einen Prozentpunkt über dem der Euro-Zone. Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Sind die Amerikaner fleißiger?

Nein. In einer Reihe europäischer Staaten ist die Produktivität höher. Die US-Wirtschaft profitiert von zwei Faktoren: Der Anteil der Arbeitnehmer an der Gesamtbevölkerung ist höher und es wird länger gearbeitet. Besonders weit abgeschlagen ist Deutschland mit der drittniedrigsten jährlichen Arbeitszeit aller OECD-Staaten, nirgendwo sonst werden so viele Menschen in den Vorruhestand geschickt. Während die Arbeitszeit in der Euro-Zone zwischen 1991 und 2000 um 0,6 % gesunken ist, blieb sie in den USA annähernd stabil.

„Vergessen Sie die New Economy, Europa braucht mehr Arbeitnehmer“, lautet deswegen das Fazit von Kevin Daly, Ökonom bei der US-Investmentbank Goldman Sachs. Aus seiner Sicht lässt sich das höhere Wachstum der USA in den 90er-Jahren fast ausschließlich durch das im Vergleich zu Euro-Land höhere Beschäftigungswachstum erklären. Einem Zuwachs von 1,6 % in den USA steht ein Mini-Plus von 0,1 % in Deutschland gegenüber.

Die Produktivität ist aus Sicht von Ökonomen das kleinere Problem. Noch im vergangenen Jahr war ein deutscher Arbeitnehmer sogar produktiver als sein US-Kollege: Ein amerikanischer Arbeitnehmer hat den Daten des privaten US-Forschungsinstituts Conference Board zufolge 2002 pro Stunde Güter und Dienstleistungen im Wert von 38,83 $ hergestellt, ein deutscher im Wert von 39,30 $. Allerdings zeigt der Trend nach unten: Das jährliche Wachstum der Produktivität lag in Deutschland 2002 bei 0,9 % – in den USA dagegen bei 2,8 %.

Diese Analyse verheißt für Deutschlands Zukunft nichts Gutes. Denn es ist weder absehbar, dass die Zahl der Beschäftigten kräftig steigen wird, noch dass länger gearbeitet wird. Kürzlich hat Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchener Ifo-Instituts gefordert, die wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland auf 42 Stunden von derzeit im Schnitt 38 Stunden zu erhöhen. Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) hält das aber für gesellschaftlich nicht durchsetzbar. „Es gibt in Deutschland eine klare Präferenz für weniger Arbeit,“ sagt Schmidt.

Dabei sieht die Rechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaft (IW) verlockend aus: Wenn die Deutschen ab sofort pro Woche eine Stunde mehr arbeiteten, könnte noch in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 1,6 % erreicht werden. Die Prognosen der Ökonomen liegen derzeit noch bei lediglich 0,2 % Wachstum. Durch die unbezahlte Mehrarbeit würden die Lohnstückkosten in diesem Jahr sinken, statt zu steigen, schätzt Rolf Kroker, Ökonom beim IW. Im kommenden Jahr würde der Effekt der Arbeitszeitverlängerung auf dem Arbeitsmarkt 60 000 neue Jobs schaffen. Und damit nicht genug: Durch die höhere Anzahl der Beschäftigten würden die Haushalte der Sozialversicherungen um knapp eine Milliarde Euro entlastet. Der Staat würde 5 Mrd. Euro mehr einnehmen, 2004 sogar 11,9 Mrd. Euro.

Längere Arbeitszeiten sind aber nicht in Sicht – statt dessen tickt die demografische Zeitbombe in Deutschland immer lauter. Bis zum Jahr 2050 wird die Bevölkerung Deutschlands auf 75 Millionen von derzeit 81 Millionen sinken, schätzt das Statistische Bundesamt. „Die Überalterung ist das größte Problem hier zu Lande“, ist Schmidt überzeugt. Der Anteil der über 60-Jährigen wird in den kommenden 50 Jahren auf 40 % der Bevölkerung steigen – von derzeit 24 %. Das Arbeitskräftepotenzial würde dann nur noch 24 Millionen umfassen – das sind 16 Millionen weniger als im vergangenen Jahr. In Folge dürfte das Trendwachstum in Deutschland von derzeit 1,5 % pro Jahr in den kommenden Jahrzehnten bis auf 1 % sinken, schätzt Bernhard Gräf, Ökonom bei der Deutschen Bank.

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