Die Bank von England dürfte morgen den Senkungs-Zyklus beenden
Pfund-Investoren hoffen auf Zinswende

Der oberste Währungshüter Mervyn King beruft erst heute Mittag seine Kollegen des Geldpolitischen Komitees zum zweitägigen Treffen in den Konferenzsaal der Bank von England ein. Doch das Ergebnis der Novembersitzung scheint schon jetzt festzustehen: Das Gremium wird morgen den Leitzins von 3,5 % um 25 Basispunkte erhöhen.

LONDON. So deutet zumindest eine Dreiviertelmehrheit der City-Volkswirte die Signale hinter den grauen Mauern in Threadneedle Street. „Alles andere als ein Zinserhöhung wäre eine gehörige Überraschung“, sagt Jane Foley, Währungsexpertin bei Barclays Capital – auch wenn die Bank von England den Markt in der jüngeren Vergangenheit öfter überraschte.

Mit dem Schritt würde nicht nur eine mehr als zweijährige Phase ohne Zinsanstieg enden – und damit das längste Dauertief seit den 40er- Jahren. Die Briten würden auch ein Signal setzen, dass weltweit die Zeit der Niedrigzinsen zu Ende geht.

Der Markt hat die Signale gehört – und reagiert: Das Pfund kletterte in den vergangenen Tagen auf ein Siebenmonats-Hoch zum Euro. Gegenüber dem Dollar lag das Pfund zwischenzeitlich so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr. Und als die Bank Ende Oktober in ihrem letzten Sitzungsprotokoll verdeutlichte, wie kurz die Nation schon damals vor einem Anstieg stand – nur durch Kings Votum blieb es beim Status quo –, verloren Aktien und Anleihen: Am selben Tag gab der FTSE-100-Index 1,5 % nach, und die Preise der zehnjährigen Benchmark-Gilts (Anleihen) befinden sich seitdem unter Dauerdruck.

Sollte es morgen nicht zu einem Anstieg kommen, dürfte das Pfund kurzfristig verlieren, der Aktienmarkt einen kleinen Satz machen und die Anleihen wieder gewinnen. Langfristig geht es in Großbritannien aber nur noch um die Frage, wann die Zinswende kommt. Bei den zuverlässig spendierfreudigen Verbrauchern deutete sich zuletzt ebenso wie bei der Industrieproduktion eine Wende an. Auch das herstellende Gewerbe, das in den letzten drei Jahren stark expandierte, zeigt inzwischen Schwächen.

Einstieg in Pfund Sterling

Für britische Aktien bedeuten höhere Zinsen Gegenwind. So erwartet Richard Buxton, Leiter des britischen Aktienbereichs bei Schroders plc., trotz verbesserter Unternehmensgewinne für 2004 schlechtere Returns als in diesem Jahr. Die zehnjährigen Anleihen dürften nach Ansicht der französischen BNP Paribas aber nicht nachhaltig unter 5 % sinken. „Die hat der Markt zu weit nach unten getrieben“, sagte ein Händler.

Im nächsten Jahr raten Volkswirte zum Einstieg in Pfund Sterling. „Wir glauben, dass sich die britische Währung besser entwickelt als die europäische“, sagt Marvin Barth, globaler Währungsanalyst der Citibank. Dazu trägt nicht nur die gute britische Wirtschaft bei. Barth erwartet kurzfristig noch eine weitere Zinssenkung der Europäischen Zentralbank, was Anlagen in Großbritannien relativ zur Euro-Zone noch attraktiver macht. Ryan Shea, Volkswirt der amerikanischen Bank One, erwartet bis zum Jahresende eine weitere Pfund-Rally. Er kann sich vorstellen, dass die Währung bis auf gut 1,50 ¤ steigt (gestern gut 1,46 ¤). Gegenüber dem Dollar allerdings könnte sich das Pfund dagegen schon wieder auf dem absteigenden Ast befinden. „Die Stärke der amerikanischen Wirtschaft könnte das Wechselkurs-Verhältnis wieder auf unter 1,64 Pfund je Dollar drücken (derzeit: knapp unter 1,67 Pfund).

Langfristig sind die Experten jedoch beim Pfund skeptisch. „Die Währung ist langfristig überbewertet“, sagt Barth. Erst im vergangenen Quartal erreichte das Handelsbilanzdefizit des Königreichs einen neuen Rekord, genau wie die Verschuldung seiner Einwohner.

Das Verhalten der Verbraucher könnte sich genau dann zu einem Problem entwickeln, wenn die Zinsen zu stark steigen. „Wir erwarten eine ganze Reihe von Zinserhöhungen in London“, sagt Ryan Shea, Volkswirt der amerikanischen Bank One. Bis Ende 2004 könnte die maßgebliche Repo-Rate bis auf 5 % steigen. Zwar ist das immer noch moderat – allerdings sind die Verbraucher zinsempfindlich. Mehr als zwei Drittel zahlen Kredite in sechsstelliger Höhe für eigene Immobilien ab. Viele davon haben Verträge mit flexiblen Zinsen, und schon ein Anstieg um 25 Basispunkte kostet monatlich im Schnitt rund 10 Pfund höhere Zinsleistungen.

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