Die Gelehrten streiten: Die Suche nach dem rechten Maß

Die Gelehrten streiten
Die Suche nach dem rechten Maß

Statistik gilt als langweilig. Zu Unrecht. Mit Statistik wird Politik gemacht. Die Wahl dieser oder jener Messgröße für die Inflation kann darüber mitentscheiden, wie stark Ihre Ersparnisse entwertet werden und ob Sie arbeitslos werden. Was ist der Kern der Inflation?

FRANKFURT. Schwer zu glauben? Ein Beispiel: In den USA betrug der Verbraucherpreisanstieg zuletzt 3,4 Prozent. Im September lag die Rate sogar bei fast fünf Prozent. Das blieb zwar nicht unbemerkt, hat aber bei weitem nicht das Aufsehen erregt, das eine solche Zahl in Europa hervorrufen würde. Denn: Die US-Notenbank misst Inflation vor allem anhand einer so genannten Kernrate, bei der die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert werden. Und weil der Anstieg der Konsumentenpreise fast nur von den deutlich gestiegenen Ölpreisen herrührt, kletterte das bevorzugte Inflationsmaß der Federal Reserve nur leicht über zwei Prozent und liegt derzeit sogar wieder unter dieser Marke. Weil für die Finanzmärkte vor allem wichtig ist, das Handeln der Federal Reserve richtig zu prognostizieren, achten die Akteure in den USA viel stärker auf die niedrigere Kernrate als auf die hohe normale Inflationsrate.

Szenenwechsel: Im Euro-Raum lag die Inflationsrate im Januar bei 2,4 Prozent. EZB-Präsident Jean -Claude Trichet verkündete im Anschluss an die EZB-Sitzung Anfang Februar, die „Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität“ seien gestiegen. Das wurde weithin als die Ankündigung einer Zinserhöhung Anfang März verstanden. Hätte die EZB den gleichen Inflationsindikator in den Vordergrund gestellt wie die US-Notenbank, täte sie sich vermutlich schwer, eine Zinserhöhung zu begründen. Die Kernrate ohne Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel liegt stabil unter eineinhalb Prozent. Aber darauf solle man nichts geben, hatte Trichet vorsorglich schon im Januar gemahnt. Er warnte davor, „zu viel Optimismus aus den derzeitigen, vergleichsweise niedrigen Raten für Inflationsmessgrößen zu schöpfen, bei denen bestimmte Komponenten, wie etwa Energie (...) herausgerechnet sind“. Solche Indikatoren folgten der statistisch ausgewiesenen Inflation eher mit Verzögerung, als dass sie Vorlaufeigenschaften aufwiesen. Viele Bankvolkswirte und selbst die EZB-Volkswirte sind nicht ganz so überzeugt.

„Wir sagen für 2007 eine Inflationsrate von zwei Prozent voraus. Wenn ich davon ausginge, dass die Kernrate der umfassenden Inflationsrate nach oben folgt, würden wird das nicht tun“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. Das Pikante dabei: Auch die EZB-Volkswirte haben in ihrer letzten Prognose von Dezember eine Inflationsrate von 2,0 Prozent für 2007 als wahrscheinlich erachtet. Dabei sind zwei Prozent noch niedriger, als sie auf den ersten Blick scheinen, denn allein die deutsche Mehrwertsteuererhöhung Anfang 2007 zieht den Preisindex für den Euro-Raum nach Ökonomenschätzung um 0,3 bis 0,4 Prozent nach oben.

Unterstützung bekommt die EZB von Neville Hill, der für Credit Suisse den Zusammenhang empirisch untersucht hat. „Die niedrige Kernrate ist kein Argument gegen eine Zinserhöhung. Die EZB hat Recht, wenn sie sich wegen einer möglichen Preis-Lohn -Spirale auf Grund der gestiegenen Ölpreise sorgt“, lautet sein Urteil.

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