Die Notenbanker stemmen sich gegen Berlin – aber Welteke ist nicht mehr zu halten
In der Trutzburg Bundesbank

In der wohl schwierigsten Zeit in der Geschichte der Bundesbank kommt es auf die Loyalität ihrer Mitarbeiter an.“ Jürgen Stark, Interimspräsident der Notenbank, beschwört in einer internen Mitteilung, die rund 15 000 Bundesbanker, gemeinsam allen Angriffen von außen zu trotzen. Es ist eine seiner ersten Amtshandlungen.

FRANKFURT. Im trutzigen Betonriegel der Bundesbank im Frankfurter Stadtteil Ginnheim herrscht Belagerungsstimmung. Aus der Adlon-Affäre um Zentralbankchef Ernst Welteke ist in den Augen der meisten Bundesbanker längst ein massiver Angriff der Bundesregierung auf die Unabhängigkeit der Währungshüter geworden. „Wir haben schon manchen Strauß mit Bonn und Berlin ausgefochten, aber so massiven Druck auf ein Entscheidungsgremium habe ich noch nie erlebt“, klagt ein Notenbankveteran.

„Die Regierung ist jederzeit in der Lage, einen Vorschlag für einen Nachfolger“ für Welteke zu unterbreiten. Diese Meldung läuft am vergangenen Mittwoch um kurz nach 14 Uhr über die Ticker der Nachrichtenagenturen. Zu diesem Zeitpunkt saßen sechs Vorstände der Bundesbank gerade einmal zwei Stunden im 13. Stock zusammen, um über das Schicksal ihres Chefs zu entscheiden, der sich von der Dresdner Bank vier Tage zu Silvester 2001 ins Berliner Luxushotel Adlon einladen ließ. Der siebte war zugeschaltet.

„Da war noch gar nichts entschieden, aber die Ernennungsurkunde für Caio Koch-Weser war schon ausgestellt“, ist sich ein führender Bundesbanker sicher. Staatssekretär Koch-Weser ist der Favorit von Bundesfinanzminister Hans Eichel und Kanzler Gerhard Schröder für die Welteke-Nachfolge.

Das Finanzministerium ist bei der Sitzung des Bundesbankvorstandes ständig gegenwärtig, nicht nur als anonyme Macht, die aus dem Hintergrund Druck macht, sondern greifbar, vor der Tür, in Gestalt von Jörg Asmussen. Der junge Abteilungsleiter aus dem Finanzministerium ist an diesem Mittwoch Eichels Vorhut in der Notenbank. Er soll die Stimmungslage auskundschaften und beeinflussen. Für kurze Zeit darf er sogar ins Sitzungszimmer. Er wiederholt, was jeder schon weiß: Eichel fordere einen harten, vor allem schnellen Schnitt.

Seite 1:

In der Trutzburg Bundesbank

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%