Die Währungsreform
Der Tag X

Im Juni 1948 kommt die D-Mark und verändert das Land. Die Währungsreform ist von langer Hand vorbereitet und bis ins Detail ausgetüftelt worden.

DÜSSELDORF. Die Operation „Bird Dog“ läuft auf Hochtouren und unter strengster Geheimhaltung. Zwischen Februar und April 1948 treffen 23 000 Kisten – in New York aufgegeben und mit dem falschen Bestimmungsort Barcelona getarnt – per Schiff in Bremerhaven ein. Hier wird die Fracht gelöscht, nach Frankfurt transportiert und in den Kellern der alten Reichsbank zwischengelagert – für den Tag X.

Dann ist es so weit. Spezialzüge und Lastwagen bringen die Kisten zu den Lebensmittelkarten-Stellen. Der Inhalt: 500 Tonnen Geldscheine, gedruckt auf schlechtem Papier, das Wasserzeichen fehlt. Doch es sind keine „Blüten“. Davon können sich die Menschen am 20. Juni überzeugen, in der 25. Kalenderwoche vor 57 Jahren. Laut Gesetz der westlichen Militärgouverneure bekommt jeder sein „Kopfgeld“, 40 Deutsche Mark. Die unselige Reichsmark, das „Hitler-Geld“, verschwindet.

Die Sparguthaben werden im Verhältnis 100 Reichsmark für 6,50 D-Mark zusammengestrichen. „Jetzt sind wir alle gleich, jetzt geht’s bergauf“, denken viele. Über Nacht kommt das immense Ausmaß der gehorteten Waren zum Vorschein. In den jahrelang leeren Auslagen bieten Geschäftsleute plötzlich wieder Schuhe, Kleidung, Fahrräder und Kochtöpfe an – dieser „Schaufenstereffekt“ prägt das kollektive Gedächtnis der Wiederaufbaugeneration. Nun ist der Kunde wieder König, vom Bezugsmarkenkäufer und Bittsteller zum gefragten D-Mark-Besitzer avanciert. Das deutsche Wirtschaftswunder beginnt.

Doch die Euphorie bekommt schnell einen Dämpfer. Die Sowjets brandmarken die „imperialistische Spaltungspolitik“ der Westalliierten und kontern am 24. Juni in ihrer Besatzungszone mit einer eigenen Währungsreform. Jetzt beginnt das Tauziehen der Siegermächte um die alte Reichshauptstadt. Mit der fast einjährigen Berlin-Blockade eskaliert der Kalte Krieg.

Auch in den Westzonen wächst die Unzufriedenheit. Der Grund: Die Preise steigen massiv, an der Lohnhöhe ändert sich aber zunächst nichts. „Heute stehen Millionen mit leeren Taschen und hungrigen Augen vor den Auslagen der glänzend ausgestatteten Läden“, empört sich DGB-Chef Hans Böckler. Im November 1948 rufen die Gewerkschaften zum Generalstreik auf – aus Protest gegen die Währungsreform und die gleichzeitig eingeleitete liberale Wirtschaftspolitik.

Was die Zeitgenossen nicht wissen: Die vorübergehenden Sondergewinne der Unternehmen sind von langer Hand geplant. Denn die Vorgeschichte der Währungsreform reicht zurück bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs.

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