Drohender Russland-Absturz
Ökonom warnt vor neuer Schwellenländer-Krise

Der Verfall des russischen Rubels könnte sich zu einer Krise größeren Ausmaßes entwickeln, warnt Thorsten Polleit. Der Frankfurter Ökonom ist überzeugt: Nur eine politische „Vernunftlösung“ kann jetzt noch helfen.
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BerlinWirtschaftsflaute, Ölpreisverfall und Sanktionen: Russland steckt tief in einer Krise, der russische Rubel stürzt ab. Ökonomen sind von der Entwicklung zunehmend beunruhigt. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) , Marcel Fratzscher, hält ein Staatspleite für möglich, der Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit fürchtet eine Ausbreitung der Krise auf andere Länder.

„Sollten russische Banken und Unternehmen nicht in der Lage sein, ihre Auslandsverbindlichkeiten wie vereinbart zu zahlen, drohen den Haltern der von ihnen emittierten Papiere – Kapitalsammelstellen in Europa und den USA und anderswo auf der Welt – natürlich Verluste, die letztlich die Sparer zu tragen haben“, sagte Polleit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe).  „Zudem wären Vertrauensverluste in den weltweiten Kreditmärkten möglich, die sich möglicherweise zu einer „Kreditkrise“ auswachsen können“, fügte der Ökonom hinzu.

Für diesen Fall könnte nach Polleits Einschätzung Kapital zusehends aus den sogenannten Emerging Markets abgezogen werden und Kreditfinanzierungsprobleme in den betroffenen Ländern auslösen. „Zu denken wäre hier etwa an die Türkei, Brasilien und Südafrika“, sagte Polleit.

Polleits Befürchtungen kommen nicht von ungefähr. Auch viele Aktienhändler und Analysten fühlen sich in diesen Tagen an das Beben in der Rubelkrise 1998 erinnert. Auch damals wirkten fallende Ölpreise als Brandbeschleuniger. Und auch damals stand die Aussicht auf eine striktere Geldpolitik der US-Notenbank am Anfang einer rapiden Aufwertung des Dollars. Die Krise spitzte sich Ende der Neunzigerjahre zu einer regelrechten Flucht aus den Schwellenländer-Währungen zu, die in der russischen Staatspleite gipfelte.

Der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, sieht die Schwellenländer ohnehin in einer schwierigen Situation. „Nach Jahren des steilen Aufstiegs beginnen nun die Mühen der Ebene für die Schwellenländer“, sagte Horn dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Solle ihr Wachstum eine neue Qualität erreichen, müssten sie erhebliche Ressourcen in den Aufbau von Infrastruktur und Sozialsystemen stecken. „Das enttäuscht manche Investorenerwartung“, erklärte der IMK-Chef.

Trete dann ein Ereignis wie der Rubelverfall ein, mache sich diese Enttäuschung in einer allgemeinen Abkehr von Anlagen in diesen Ländern Luft, sagte Horn weiter. „Zu erwarten ist daher eine mittelfristige Umkehr zu Anlagen in traditionellen Volkswirtschaften, die gerade besonders vielversprechend sind wie die USA und Großbritannien.“

Kommentare zu " Drohender Russland-Absturz: Ökonom warnt vor neuer Schwellenländer-Krise"

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  • Ein solches Chaos anrichten ist doch gelinde ausgedrückt
    eine Schurkerei Die deutsche Regierung unter Kanzlerin Merkel können doch nicht bei Trost sein hier mitzumachen
    Das amerikanische Politik nicht nachvollziehbar ist kann man im Irak sehen und jetzt mit den Sanktionen gegen Russland im Grunde genommen ist das ein Verbrechen wenn
    man einen Staat ruiniert das Politiker skrupelloses Pak ist nicht neu aber das hier eine christliche Kanzlerin
    auch beteiligt ist und immer die Menschenrechte einfordert nun das kann man nur scheinheilig und verblödet nennen

  • @Herr Tobias Wahrsager
    Vielleicht läuten demnächst die Totenglocken eher näher bei uns als in den Schwellenländern.

    Demnächst? Die Totenglocken läuten schon überall - nur keiner hört hin.
    Joe (früher Josef bei Siemens) verschiebt Arbeitsplätze in die USA.
    Mann setzt auf Fracking. Siehe Berichte in WAZ - derwesten.de u.a..
    Aber in USA sollen 600.000 neue Arbeitsplätze entstehen..

    Stahlarbeiter produzieren keine Röhren mehr für Gasleitungen.
    1800 Arbeitsplätze in Gefahr. Siehe Berichte in WAZ - derwesten.de
    Auto-Industrie,...- lange Liste, die Angela D. Kasner Merkel und ihre Komplizen und Befehlsempfänger
    verursacht haben.
    Man befolgt Befehle aus USA und Israel.

  • Im Forum wird von Globaler Deflation fabuliert. Große Teile der Mittelschicht und unteren Mittelschicht haben es Jahr für Jahr immer mit großer Inflation zu tun. Mit dem Postulat einer neuen Schwellenländerkrise wäre ich vorsichtig. Gewiß, in vielen Schwellenländern hat sich das Wachstum zuletzt stark abgekühlt. Aber: Die Länder haben immer noch Wachstum und vergleichsweise! ausgeglichene Staatshaushalte. In den USA und Australien ist stattdessen hohe Staatsneuverschuldung angesagt
    und in Europa könnten so unterschiedliche Problemkinder wie Frankreich, Italien einerseits und Griechenland sowie Zypern andererseits uns schnell beibringen, bei wem die nächste Megakrise und Eurowährungsgroßkrise angesagt ist. Auch die deutsche Industrie wird am Exporteinbruch nach Russland noch mächtig zu knabbern haben. Alles in allem: Vielleicht läuten demnächst die Totenglocken eher näher bei uns als in den Schwellenländern.

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