Einkaufsmanagerindex auf 3-Jahres-Tief
Deutscher Industrie bricht der Export weg

Der Einkaufsmanagerindex für Deutschland ist im Juni auf den niedrigsten Stand seit Juni 2009 gefallen. Er liegt nun deutlich unter der Schwelle, die Wachstum signalisiert. Schuld ist vor allem der schwache Export.
  • 17

BerlinDie deutsche Privatwirtschaft ist im Juni so stark geschrumpft wie während der weltweiten Finanzkrise vor drei Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex fiel um 0,8 auf 48,5 Punkte, teilte das Markit-Institut am Donnerstag nach einer Umfrage unter 1.000 Unternehmen mit. Das ist der schlechteste Wert seit Juni 2009. Das Barometer entfernte sich damit weiter von der Marke von 50 Zählern, ab der Wachstum signalisiert wird.

Die Turbulenzen der Euro-Zone hätten die Aussichten beschädigt, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. „Am schlimmsten hat es die Industrie erwischt, deren Exportgeschäft stark unter der zunehmenden Abkühlung der Weltkonjunktur und der hartnäckigen Euro-Krise leidet“, sagte Markit-Ökonom Tim Moore. Experten rechnen nun mit einer Zinssenkung der Europäischen Zentralbank.

Deutlich schlechter läuft es auch bei den Dienstleistern: Sie nahmen ihre Prognose für die kommenden zwölf Monate so stark zurück wie noch nie seit Beginn der Umfrage vor 15 Jahren.

Im Gegensatz zur Industrie schaffte der Service-Sektor im Juni aber ein leichtes Wachstum: Dieses Barometer fiel um 1,5 auf 50,3 Punkte. Das ist der schlechteste Wert seit sieben Monaten. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit 51,5 Punkten gerechnet.

Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie sank überraschend um 0,5 auf 44,7 Zähler. Das ist der niedrigste Wert seit drei Jahren. „Die sich verschlechternde Weltkonjunktur und die anhaltende Euro-Krise dämpfen die Exportnachfrage deutlich“, sagte Moore.

Die Exportaufträge gingen so stark zurück wie seit April 2009 nicht mehr. Die Industrie strich deshalb so viele Stellen wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr, während die Dienstleister noch neue Mitarbeiter einstellten - wenn auch vergleichsweise wenige.

Der Abwärtstrend in Deutschland verhinderte einen Anstieg des europäischen Einkaufsmanagerindex: Er verharrte mit 46,0 Punkten auf dem niedrigsten Niveau seit drei Jahren. „Das ist ein besorgniserregender Abschwung, und er springt von den Peripherieländern auf Deutschland über“, sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Er wird tiefer und breiter.“ Die Daten signalisierten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung in der Währungsunion im zweiten Quartal von 0,6 Prozent. Zu Jahresbeginn stagnierte die Wirtschaft im Euroraum noch. Auch die Schweiz bekommt laut neuen Exportdaten die Folgen der Schuldenkrise zunehmend zu spüren.

Viele Länder leiden unter einer Rezession, die durch harte Sparprogramme der Regierungen noch verschärft wird. Hinzu kommt, dass auch die Weltkonjunktur schwächelt. So verlor Chinas Industrie im Juni erneut an Fahrt: Der Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC fiel auf ein Sieben-Monats-Tief von 48,1 Punkten. Dem Exportweltmeister setzt die Krise in seinem wichtigsten Absatzmarkt Europa ebenfalls zu. Der Internationale Währungsfonds (IWF) befürchtet bereits ein schwächeres Wachstum der gesamten Weltwirtschaft.

Die Umfrage reiht sich ein in eine Serie schlechter Konjunkturdaten. Die ZEW-Konjunkturerwartungen von Anlegern und Analysten brachen im Juni so stark ein wie seit 1998 nicht mehr. Auch Exporte, Produktion und Industrieaufträge gingen zuletzt zurück.

Der als zuverlässigster Konjunkturindikator geltende Ifo-Index - für den Firmenchefs befragt werden - war erstmals nach sechs Monaten rückläufig. Für Juni wird ein erneuter Rückgang befürchtet: Die Umfrage wird am Freitag veröffentlicht.

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte der Konjunktureintrübung nicht tatenlos zusehen. Viele Experten rechnen damit, dass sie ihren Leitzins von aktuell ein Prozent schon im Juli auf ein Rekordtief senken wird. Billigeres Geld kann Konsum und Investitionen anschieben. „In diesem Fall sehen wir weiterhin die Chance, dass die Euro-Wirtschaft im zweiten Halbjahr aufhört zu schrumpfen“, sagte Commerzbank-Experte Weil.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Einkaufsmanagerindex auf 3-Jahres-Tief: Deutscher Industrie bricht der Export weg"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Ifo-Lage-Index ist nach wie vor enorm hoch. Die "Befürchtungsindices" dagegen sind tief, weil alle - auch die Einkäufer - in den Medien ja nur noch "Horror-Prognosen" lesen. Der Wirtschaftsrückgang in den Mittelmeerstaaten geht weit über das Volumen der Sparmaßnahmen hinaus und ist vor allem durch Angstsparen und Angst-Lagerbestandsabbau gekennzeichnet. Verantwortlich hierfür ist in erster Linie die skrupellose Hetzjagd der Medien auf Euro und Europa samt der genüsslich verbreiteten Untergangsstimmung. Pfui!

  • Gestern wieder bei Anne Will der Sturkopf vom BDI behauptet: Deutschland hat am meisten vom Euro profitiert!!! Ja, aber ..... Wir haben den ganzen Export kreditfinanziert und bekommen jetzt die Rechnung präsentiert!!! Die Steuerzahler und hier insbesondere die kleinen Leute sollen jetzt die faulen Kredite übernehmen. Die wahren Profiteure in den Banken und Konzernen machen sich mit ihren Boni aus dem Staub. Was ist das für ein Export wenn ich das Geld mitbringen muss!! Das ist Abzocke der kleinen Leute. Danke, das wir 10 Jahre arbeiten durften und jetzt unsere Ersparnisse in dieser Zeit an die EU abliefern dürfen wenn überhaupt gespart werden konnte. Kein Geringverdiener oder Leiharbeiten hat profitiert, außer das er einen schlecht bezahlten Job hatte. Somit wird die Behauptung D hat profitiert als Lüge entlarvt.

  • Natürlich erachte ich die Gegenüberstellung der Kosten und in Geld messbaren Erträge durch den Euro als interessant. Allerdings glaube ich nicht, dass die Staatsfinzierung unserer Exporte (vorrangig) dem Euro anzulasten ist. Vielmehr vermute ich, dass die Exportfinanzierung aufmp (s. Target2) eine arbeitsmarktorientierte Maßnahme ist. Anderenfalls würden Kosten zur Finanzierung von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit anfallen und die Staatsschulden hoch treiben, ohne das der Haushalt mit werthaltigen oder wertlosen Forderungen dargestellt werden kann. Unterstellt, der Euro bräche zusammen, würden aus dem Staatshaushalt auch künftig Exporte subventioniert werden müssen. Anderenfalls käme das politische System so unter Druck, wie aktuell in Griechenland und Spanien. Die Exportsubventionierung betrachte ich unter allen Übeln als das kleinste, weil sich Wirtschaft nur innovativ erneuert, wenn sie ihre Kapazität ausnutzt. In einer ausgeprägten Langzeitflaute würden zukunftsorientierte Investitionen/Aufwendungen wohl zuerst gekürzt oder gestrichen werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%