Einkaufsmanagerindex
Talfahrt der deutschen Industrie geht weiter

Der Markit-Einkaufsmanagerindex ist im Juli erneut gesunken. Das Konjunktur-Barometer fiel damit auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahren. Auch die Stimmung in der Euro-Zone verliert an Schwung.
  • 16

Berlin/Paris/LondonDie Talfahrt der deutschen Industrie geht ungebremst weiter. Die Geschäfte in dem Sektor liefen im Juli so schlecht wie zuletzt vor drei Jahren, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Markit-Umfrage unter mehreren Hundert Firmen hervorgeht. Der Einkaufsmanagerindex sank von 45,0 auf 43,3 Punkte und entfernte sich damit immer weiter von der 50-Zähler-Marke, ab der er Wachstum signalisiert.

Von Reuters befragte Ökonomen hatten im Schnitt einen leichten Anstieg erwartet. Auch die zuletzt deutlich erfolgreicheren Dienstleister mussten Federn lassen. Das Service-Barometer fiel nach vorläufigen Daten um 0,2 auf 49,7 Punkte, den tiefsten Stand seit September 2011. Damit verlor die gesamte Privatwirtschaft erneut Schwung, der Composite-Index rutschte auf 47,3 Prozent.

Nach dem starken Wachstum von 0,5 Prozent zum Jahresauftakt dürfte die Wirtschaft im zweiten Quartal an Fahrt verloren haben. Von Reuters befragten Ökonomen gehen davon aus, dass die Konjunktur nur um 0,2 Prozent zulegte. Denn Deutschland kann sich dem Abwärtsstrudel der Euro-Zone kaum noch entziehen. "Die Juli-Umfrage zeigt, dass die Bedingungen für die deutsche Wirtschaft bei weitem nicht mehr so gesund sind wie noch im ersten Halbjahr", sagte Markit-Ökonom Tim Moore.

Weniger Aufträge, weniger Produktion, weniger Jobs

Die Industriefirmen drosselten den vierten Monat in Folge die Produktion, strichen per Saldo Jobs und kämpften wie seit gut einem Jahr mit sinkenden Aufträgen. Das Neugeschäft mit dem Ausland ließ so stark nach wie zuletzt im Mai des Rezessionsjahres 2009. Einen Lichtblick gab es auf der Kostenseite. Die Einkaufspreise stiegen insgesamt so gering wie seit November 2009 nicht mehr. Grund dafür war vor allem weniger Preisdruck bei Rohstoffen wie Stahl, Kupfer und Chemieprodukten.

Auch den Service-Unternehmen machen eine geringere Produktion und schrumpfende Nachfrage zu schaffen. Ihr Optimismus für die nächste zwölf Monate war so gering wie zuletzt im Oktober. Dennoch stellten sie unterm Strich den dritten Monat in Folge Personal ein.

Ähnlich sieht es auch in Frankreich aus. Die Stimmung in den Chefetagen der französischen Wirtschaft ist ebenfalls so schlecht wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Der Index für das Geschäftsklima fiel im Juli um zwei auf 87 Punkte, teilte das Statistikamt Insee am Dienstag in Paris mit. Das ist der schwächste Wert seit September 2009. Mit dem dritten Rückgang in Folge entfernte sich das Barometer weiter von seinem langfristigen Durchschnittswert von 100 Punkten. Die Stimmung trübte sich in der Industrie ebenso ein wie im Groß- und Einzelhandel sowie der Baubranche. Bei den Dienstleistern blieb sie hingegeben stabil.

Frankreich ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner Deutschlands.

Die krisengeplagte Euro-Zone kommt wirtschaftlich nicht auf die Beine. Die gesamte Privatwirtschaft schrumpfte im Juli bereits den sechsten Monat in Folge. Das Barometer verharrte bei 46,4 Punkten, teilte das Markit-Institut am Dienstag zu seiner Umfrage unter Tausenden Unternehmen mit. Das Industrie-Barometer sank von 45,1 Punkten auf 44,1 Punkte in diesem Monat. Der Dienstleistungsindex konnte in der Eurozone hingegen leicht von 47,1 auf 47,6 Punkte zulegen, weshalb der Komposit-Index konstant blieb.

"Das deutet darauf hin, dass sich die Dinge verschlechtern", sagte Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. "Deutschland bekommt immer mehr Probleme, die Kernländer sind zunehmend von der Schuldenkrise betroffen."

Markit zufolge deuten die Daten auf einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent im dritten Quartal hin. Für das zurückliegende zweite Quartal gehen Analysten von einem Minus von 0,3 Prozent aus.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Einkaufsmanagerindex: Talfahrt der deutschen Industrie geht weiter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.



  • Wirtschaft und Dienstleistung haben sich in den vergangenen Jahren verändert, ohne die digitalen Industrien fehlt dem Standort Deutschland die Zukunftsfähigkeit. Ein interessanter Artikel zu Start-Ups in Deutschland http://www.theeuropean.de/alexander-goerlach/11753-ai-weiwei-und-digitale-start-up

  • Wenn "Schuldenkrise" die Erklärung ist, dann sieht man, und hoffentlich merkt man sich das auch, was eine mit Schulden aufgeblähte Wirtschaft leister: langfristig nichts, nur kurzfristiges Störfeuer.
    Alle auf Verschuldung basierende Programme, oder allgmein subventionierte Eingriffe, sind nicht von Dauer und Verblenden die Bürger über die Wahrheit.
    Zeit wird's, dass man auf eine gesundes Fundament kommt, auch wenn es für Deutschland ein wenig Bescheidenheit und Konsumverzicht bedeutet.
    V. a. aber das FDP-geführten Wirtschaftsministerium muß jetzt mal Kompetenz zeigen.

  • BILD Leser, willkommen im Club der Ahnungslosen!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%