Einschätzung der Marktakteure folgt wieder mehr dem Urteil von Volkswirten
Experten streiten über Zeitpunkt für Zinssenkung

Führende Beobachter der Europäischen Zentralbank (EZB) sind der Ansicht, dass die Zentralbank ihren Leitzins von 2 Prozent nochmals senken sollte, um die Chancen für eine deutliche Konjunkturerholung zu verbessern.

Neun der achtzehn Mitglieder im EZB-Schattenrat stimmten auf der jüngsten Sitzung des Gremiums für die Empfehlung an die EZB, ihren Leitzins bereits auf der nächsten Sitzung am kommenden Donnerstag zu senken. Fünf weitere Mitglieder rechnen damit, dass sich eine Zinssenkung bald als notwendig herausstellen dürfte.

„Noch einen Monat länger zu warten kostet wenig, kann aber wertvolle Zusatzinformationen bringen“, rechtfertigte der Madrider Ökonomieprofessor Juan Jimeno sein Zögern. Sein Landsmann Angel Ubide vom Hedge Fund Tudor Investment Corporation stimmte zu: „Die EZB sollte noch einen Monat warten, um mehr Sicherheit zu gewinnen. „Wenn sich dann die Vermutung bestätigen sollte, dass der Aufschwung noch Nachhilfe braucht, sollte sie den Leitzins senken, und zwar dann gleich um einen halben Prozentpunkt."

Die Akteure am Geldmarkt, wo die Banken unter sich Zentralbankgeld handeln, halten es zunehmend für möglich, dass die von Volkswirten vorgebrachten Argumente für eine Zinssenkung sich auch im EZB-Rat durchsetzen könnten. Dreimonatsgeld im März 2004 verbilligte sich gegenüber dem Zwischenhoch am 3. September um 36 Hundertstel auf 2,06 Prozent. Dreimonatsgeld am Terminmarkt ist damit um sechs Hunderstel billiger als derzeit. Das deutet darauf hin, dass der Markt die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung mit etwa einem Viertel ansetzt.

Im Vordergrund der Diskussion im Schattenrat, der im November 2002 mit Unterstützung von Handelsblatt gegründet wurde, stand die Schwäche des Dollarkurses. Die Vertreter der sieben größten Industrienationen hatten auf ihrem Treffen in Dubai gemeinsam eine „größere Flexibilität“ der Wechselkurse gefordert. Daraufhin hatte der Dollar vor allem gegenüber den asiatischen Währungen aber auch zum Euro deutlich an Wert verloren.

Der Anstieg des Euros werde sich vermutlich fortsetzen. Da der fragile Wirtschaftsaufschwung im Euroraum eine starke Währungsaufwertung kaum aushalten könne, plädierten die Zinssenkungsbefürworter dafür, durch eine Zinssenkung die zu erwartende Aufwertung zu begrenzen und die Folgen für die Konjunktur abzufedern.

Dem hielt Thomas Mayer (Deutsche Bank) entgegen, dass die EZB die aus weltwirtschaftlichen Erwägungen nötige Abschwächung des Dollarkurses nicht konterkarieren sollte. Daniel Gros vom Brüsseler Forschungsinstitut CEPS lehnte es darüber hinaus strikt ab, die geldpolitischen Aktionen mit Wechselkursprognosen zu begründen, da diese notorisch unzuverlässig seien.

Als weitere wichtige Konjunkturrisiken für Europa wurden neben dem aufwertenden Euro auch der steigende Ölpreis im Zuge des jüngsten Förderkürzungsbeschluss der Opec und Zweifel an der Nachhaltigkeit des Aufschwungs in den USA aufgeführt.

Wenig Unterstützung fanden die Warnungen von Thorsten Polleit (Barclays) vor der Gefahr, dass das seit langem starke Geldmengenwachstum eine neue Blase an den Vermögensmärkten hervorrufen könnte. „Die EZB sollte die Vermögensmärkte genau beobachten und bei Bedarf schnell handeln", stimmte der Genfer Ökonomieprofessor Charles Wyplosz Polleits These nur bedingt zu. Derzeit gebe es aber in Europa keine Anzeichen für eine Inflation der Vermögenswerte, hielt er ihm entgegen.

Heftig umstritten war die Forderung des Mailänder Ökonomieprofessors Francesco Giavazzi, die EZB sollte es den Regierungen durch die Förderung von höherem Wirtschaftswachstum erleichtern, ihre Strukturreformen durchzuziehen und durchzustehen. Einige Mitglieder bezweifelten, dass tatsächlich ernsthafte Reformen auf den Weg gebracht wurden. Andere bezeichneten den Vorschlag als ein „strategisches Spiel", auf das sich die EZB nicht einlassen sollte. „Ohne Leidensdruck bei Regierungen und Bürgern gibt es keine Reformen“, hielt zudem Michael Heise Giavazzi entgegen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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