Ende der Nullzins-Politik
Japan verlangt wieder Geld fürs Geldleihen

Seit 1999 befindet sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im ökonomischen Ausnahmezustand. Nun hat die japanische Notenbank einen Schritt in Richtung Normalität gemacht: Nach mehr als fünf Jahren beendete sie ihre Nullzinspolitik. Das wird Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte haben.

HB/bas/noh TOKIO. Die Bank of Japan (BoJ) erhöhte ihren Schlüsselzins – den Zielsatz für Tagesgeld – auf 0,25 Prozent, wie die Währungshüter am Freitag nach zweitägigen Beratungen mitteilten. Bislang lag der Zinssatz bei 0,069 Prozent, also praktisch bei Null. Die Entscheidung fiel den Angaben nach einstimmig. Zudem sprachen sich die Währungshüter mehrheitlich dafür aus, den Diskontsatz von 0,1 auf 0,4 Prozent anzuheben.

Zum Vergleich: Die US-Notenbank hat seit Mitte 2004 insgesamt 17 Mal hintereinander die Zinsen erhöht. Derzeit liegt der Schlüsselzins bei 5,25 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen seit Dezember drei Mal auf inzwischen 2,75 Prozent angehoben.

Analysten werteten die Anhebung in Japan als Zeichen, dass sich die zweitgrößte Wirtschaft der Welt nach einer zehnjährigen Flaute wieder im Aufwind befindet. Im ersten Quartal 2006 war das Bruttoinlandsprodukt mit einer Jahresrate von 1,9 Prozent gewachsen. Die Finanzmärkte hatten überwiegend mit der historischen Wende der Geldpolitik gerechnet. Experten erwarten nun eine langsame, aber stetige Erhöhung der Zinsen.

Das billige Geld wird der Welt fehlen

Der Zinsschritt auf 0,25 Prozent könnte Konsequenzen haben, die weit über Japan hinausgehen, stellt er doch die globalen Finanzmärkte auf die Probe. Immerhin ist Japan derzeit die günstigste Quelle für Liquidität. Sollte diese Quelle für zinsloses Geld langsam versiegen, dürfte dies all jene Märkte belasten, in die das billige Geld bislang geflossen ist. So wurden die Aktien- und Wechselkurseinbrüche vor wenigen Wochen von Hochzinsmärkten wie der Türkei und Island von vielen Fachleuten auf die Ankündigungen aus Japan zurückgeführt, dass mit der Nullzinspolitik bald Schluss sei. „Die reichliche Liquidität, die die Bank von Japan bislang bereit gestellt hat, wurde auch genutzt, um ausländische Wertpapiere zu kaufen, zum Beispiel US-Staatsanleihen“, erläutert David Brown, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Bear Stearns. „Wenn der Geldhahn zugedreht wird, kommt auf solche Märkte ein Nachfrageausfall zu.“

Jahrelang waren der japanischen Notenbank wegen der Deflation im Land die Hände gebunden. Gleichzeitig konnten Investoren, die sich in Yen verschuldeten, darauf vertrauen, dass die Notenbank sich einer starken Yen-Aufwertung durch Dollar-Käufe widersetzen würde. Mit der ersten Zinserhöhung – die allein noch nicht sehr groß und bedeutsam sein mag – geht die relative Sicherheit verloren, dass die Zinsen und der Wechselkurs auch künftig niedrig bleiben werden. Wer künftig in Japan Kredite aufnimmt, trägt jetzt ein höheres Risiko.

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