Enfant Terrible
Thilo Sarrazin: Ein streitbarer Bundesbanker

Seine Overhead-Folien sind berüchtigt, seine Ansichten nicht immer auf Linie: Thilo Sarrazin, das Enfant Terrible der Finanzszene, hat auch nach den ersten 100 Tagen im Vorstand der Bundesbank nicht die Lust am Provozieren verloren. Bad Banks? Nichts als ein Kompromiss. So viel Klartext ist bei Bundesbankern eher ungewöhnlich – und nicht immer gern gesehen.

BERLIN. Thilo Sarrazin schont seine Zuhörer bei Vorträgen nicht. Schon in seiner Amtszeit als sozialdemokratischer Finanzsenator von Berlin waren seine Overhead-Folien berüchtigt, später legendär. Und auch nach 100 Tagen als neues Vorstandsmitglied der Bundesbank, hat er sich die Passion bewahrt, geballte Informationen in knapper Zeit zu vermitteln. Jetzt vertraut er häufiger der Technik der Veranstalter und nutzt Power Point. Doch seine Vorträge sind nach wie vor für unpopuläre Ansichten gut. So wie gerade in Berlin, da sprach Sarrazin zum Thema „Bad Banks - Ausweg aus der Kreditklemme für die Immobilienbranche?“. Doch dabei beließ er es nicht – wieder einmal. Das Enfant Terrible der Finanzszene bleibt sich treu.

So machte er beim Thema Bad Bank keinen Hehl daraus, dass er die britische Variante bevorzugt: Verstaatlichung ins Trudeln geratener Institute. Die Banken hätten im Herbst 2008 ihre Risiken offenlegen und kräftige Abschreibungen vornehmen sollen. Der Staat hätte den Banken konkrete Eigenkapitalquoten vorschreiben sollen und notfalls einsteigen müssen. Das wäre der ordnungspolitisch saubere Weg gewesen, so seine Überzeugung. Die Bank-Bank-Konzeptionen der Bundesregierung, die toxische Wertpapiere auslagert, um die Bankbilanz zu bereinigen, sei ein Kompromiss.

So viel Klartext ist eher ungewöhnlich bei Bundesbankern. Von der Politik abweichende Meinungen werden in der Regel diplomatisch verbrämt zu Protokoll gebracht. Das ist nicht unbedingt die Art Sarrazins, der im sechsköpfigen Bundesbank-Vorstand verantwortlich ist für Bargeld, Informationstechnologie und das Risiko-Controlling.

Schon als Berliner Finanzsenator hatte er in den vergangenen Jahren ungefragt zu verschiedensten Themen Stellung bezogen – auch wenn die gar nicht in sein Ressort fielen. Und Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit so manches Mal einen Stoßseufzer entlockt: „Man freut sich manchmal, wenn Sarrazin nichts sagt“.

Davon beirren ließ sich der Politiker nicht: Bayerische Schüler ohne Schulabschluss seien immer noch besser als Berliner mit Abschluss, äußerte er sich damals. Und ihm wäre es lieber, wenn Arbeitslose schwarzarbeiten würden als den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen. Von der Finanzkrise verunsicherten Menschen empfiehlt er, keinem Bankberater zu glauben. Oft scheint es nur die Lust an der Provokation, die ihn treibt.

Bei seinem Vortrag in Berlin zweifelt er zwischen den Zeilen, ob es wirklich keine Kreditklemme gebe. „Unsere Leute sagen, es gibt sie nicht. Aber wir wissen nicht, wie viel Kredite abgelehnt wurden und ob der Bedarf der Wirtschaft nicht höher ist“, so Sarrazin. Auch sieht er die Gefahr einer Liquiditätsfalle. „Wenn die Notenbank das Geld billig macht und es kommt nicht dort an, wo es soll, gibt es einen Anlass zur Sorge.“ Spielerisch geht er mit dem Vorschlag um, die Notenbank könne ja selbst Kredite vergeben: „Manche bedauern das, aber wir haben eine Arbeitsteilung zwischen Notenbank und Geschäftsbanken.“

So frei wie in Berlin darf er bei der Bundesbank nicht reden. Bei Sarrazins erster Pressekonferenz als Bundesbanker in der vergangener Woche musste auch er sich der alten Praxis der Notenbank beugen: Neulinge dürfen nur mit Unterstützung aus den Fachabteilungen vor die Öffentlichkeit. Zur Vorstellung einer Bundesbank-Studie zur Nutzung unbarer Zahlungsmittel in Deutschland kam Sarrazin denn auch mit einem ganzen Tross von Fachleuten. Trotzdem wäre die Situation fast entgleist, als ein Journalist nach Schwarzgeld fragte, das in der Studie nicht vorkam. Man müsse davon ausgehen, dass das Geld in der Schattenwirtschaft etwa für Schwarzarbeit oder von Kriminellen ausgegeben werde, sagte Sarrazin und korrigierte sich gleich. Damit dürften ihm die verbalen Bodyguards noch längere Zeit erhalten bleiben.

Thilo Sarrazin

1945: Thilo Sarrazin wird am 12. Februar in Gera geboren. Nach dem Abitur und Wehrdienst studiert er Volkswirtschaftslehre an der Uni Bonn

1971: Studienabschluss

1973: Promotion, danach wissenschaftlicher Angestellter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, gleichzeitig Eintritt in die SPD

1975: Referent im Bundesfinanzministerium, u.a. Station beim IWF in Washington, danach Referatsleiter im Ministerium für Arbeit und Sozialordnung

1981: enger Mitarbeiter der Finanzminister Hans Matthöfer und Manfred Lahnstein

1990: Wechsel zur Treuhandanstalt

1991: Staatssekretär im Finanzministerium von Rheinland-Pfalz

1997: Vorsitzender Geschäftsführer der Treuhandgesellschaft

2000: Wechsel zur Deutschen Bahn, Vorstand der DB Netz

2002: Finanzsenator in Berlin

2009: Wechsel in den Vorstand der Bundesbank

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