Entscheidend für den Erfolg der Notenbank ist ihre Glaubwürdigkeit
Die EZB bellt, aber beißt nicht

Die rasant steigende Inflation lässt die Europäische Zentralbank (EZB) zu ungewohnt harten Worten greifen. Mit „starker Wachsamkeit“ werde die Notenbank die Teuerungsgefahren beobachten, versprach EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach der Ratssitzung in Athen - bislang lautete die Formulierung nur „mit Wachsamkeit“ oder „besonderer Wachsamkeit“. Für Notenbanker, die jedes Wort auf die Goldwaage legen, ist dies eine deutliche Verschärfung des Tonfalls. Die Währungshüter wollen die Märkte und die Tarifparteien in Schach halten - mit Wortakrobatik.

HB ATHEN/FRANKFURT. „Die EZB bellt, aber sie beißt nicht gleich“, sagt Analystin Claudia Broyer von der Dresdner Bank. „Den Worten wird sie keine Taten folgen lassen.“ Mit einer Straffung der Geldpolitik, das heißt einer Zinserhöhung, sei erst Mitte 2006 zu rechnen. Das Zur-Schau-Stellen von Wachsamkeit sei für die EZB in erster Linie ein psychologischer Trick, weil sie in einem Dilemma stecke.

Die Notenbank kann gegen den jüngsten Ölpreisschock, der die Inflation im Euro-Raum im September auf 2,5 % getrieben hat, mit Zinsschritten nichts ausrichten - das liegt außerhalb ihres Einflussbereichs. „Gegen die unmittelbare Wirkung auf das Preisniveau kann und sollte die EZB nichts tun“, sagt der Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing. „Unsere Aufgabe muss es sein, dafür zu sorgen, dass ein Ölpreisschock keinen weitergehenden Inflationsprozess auslöst.“

Die Warnung richtet sich an die Gewerkschaften: Mit aller Macht will die EZB als Hüterin der Preisstabilität verhindern, dass sich die Entwicklung der 70er Jahre wiederholt. Damals hatten die Tarifparteien während der Ölkrisen mit hohen Lohnabschlüssen auf die kletternden Energiepreise reagiert. Eine verhängnisvolle Spirale aus steigenden Preisen und Löhnen führte zu enormen Inflationsraten - in einigen europäischen Ländern sogar zu zweistelligen Zuwächsen. „Diese Zweitrundeneffekte sind bedrohlich“, sagt Michael Schubert von der Commerzbank. „Bislang ist solch eine Entwicklung aber nicht absehbar.“ Heutzutage mache die Konkurrenz der Niedriglohnländer ähnliche Lohnsteigerungen unmöglich.

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