Erzeugerpreise
Erste Indizien für britische Deflation

In Großbritannien wächst die Gefahr einer lähmenden Deflation. Im März sind die Einzelhandelspreise auf der Insel zum ersten Mal seit beinahe fünfzig Jahren zurückgegangen. Auch in Deutschland fallen die Erzeugerpreise stark.

LONDON. Der entsprechende Index in Großbritannien fiel im Vergleich zum Vorjahr um 0,4 Prozent, nachdem die Einzelhandelspreise im Februar noch stagniert hatten. Es war das erste Minus seit dem März 1960. „Nachdem die deflationären Tendenzen die britische Wirtschaft jetzt erreicht haben, muss die Notenbank mit allen nötigen Mitteln dafür sorgen, dass die Phase fallender Preise so kurz wie möglich ausfällt“, sagt Volkswirt Colin Ellis vom japanischen Bankhaus Nomura.

Der „Retail Price Index“, der auch Zinszahlungen für Hypotheken enthält, gilt in Großbritannien als wichtige Richtgröße und wird unter anderem als Maßstab für Lohnverhandlungen eingesetzt. Die britische Notenbank orientiert sich bei ihrer Geldpolitik allerdings an einer anderen Richtgröße, der Entwicklung der Verbraucherpreise. Dieser Index ist im März zwar so langsam gestiegen wie seit einem Jahr nicht mehr. Dennoch lag die Steigerungsrate der britischen Verbraucherpreise im Jahresvergleich noch immer bei 2,9 Prozent, und damit deutlich höher als der Zielwert der Bank von England von zwei Prozent.

Ein Grund für die unterschiedliche Entwicklung der beiden Inflationsindizes ist die Tatsache, dass die Verbraucherpreise die Entwicklung der Hypothekenzinsen nicht berücksichtigt und damit den Effekt der drastischen Zinssenkungen der Bank von England in den vergangenen Monaten nicht widerspiegeln. Gleichzeitig hat die Lockerung der Geldpolitik zu einer Abwertung des Pfund geführt, was importierte Güter teurer gemacht hat.

Trotz der noch immer deutlich über ihrem Zielwert liegenden Teuerung geht auch Notenbank-Gouverneur Mervyn King davon aus, dass die Inflation, und zwar auch der Index der Verbraucherpreise, bis in das kommende Jahr hinein so stark fallen wird, dass Großbritannien die ernste Gefahr einer Deflation droht.

Zentralbanker fürchten einen Verfall der Preise, weil eine solche Entwicklung zu einer verhängnisvollen ökonomischen Abwärtsspirale führen kann. Sinkende Preise können Verbraucher und Investoren von Käufen abhalten, weil sie auf immer weiter fallende Preise warten und damit die volkswirtschaftliche Nachfrage lähmen.

Auch für die Euro-Zone und für Deutschland erwarten Experten im Sommer einzelne Monate mit sinkenden Verbraucherpreisen. Wichtigster Grund für die deflationären Tendenzen ist die Entwicklung des Ölpreises, der seit seinem Hoch im Juli 2008 ungefähr zwei Drittel an Wert verloren hat und deswegen die Verbraucherpreise insgesamt nach unten zieht.

In Deutschland gerieten im März die Erzeugerpreise überraschend deutlich unter Druck und fielen im Jahresvergleich um 0,5 Prozent – das ist der stärkste Rückgang seit sechseinhalb Jahren. Die Erzeugerpreise sind die Preise, die Großhändler etwa an Landwirte und die Industrie zahlen. Sie schlagen nicht eins zu eins auf die Verbraucherpreise durch.

Billiger wurden im März vor allem Metalle und andere Vorleistungsgüter, auch Lebensmittel waren günstiger zu haben. Dagegen zogen die Energiekosten wegen der höheren Preise für Gas an.

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