EU-Kommission senkt Wachstumsprognose deutlich
EU-Konjunktur: „Die Lage ist ernst“

Es wird immer deutlicher: Europas Wirtschaft hat die besten Monate hinter sich. Angesichts hoher Rohstoffpreise und anhaltender Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten hat jetzt auch die EU-Kommission ihre Konjunkturerwartungen kräftig nach unten geschraubt.

HB BRÜSSEL. Die Volkswirtschaften der EU würden 2008 im Schnitt voraussichtlich um 1,4 Prozent wachsen, teilte die Kommission auf Grundlage einer neuen Schätzung mit. Das wären 0,6 Prozentpunkte weniger als im April vorhergesagt. Für Deutschland erwartet die EU-Kommission unverändert eine Wachstumsrate von 1,8 Prozent. Für die Eurozone senkte sie ihre Prognose um 0,4 Prozentpunkte auf jetzt 1,3 Prozent.

Die EU-Kommission erwartet im dritten und vierten Quartal eine Stagnation des Bruttoinlandsprodukts. Die Wirtschaft in der Euro-Zone war im zweiten Quartal erstmals zum Vorquartal geschrumpft.

Die im April bereits bekannten Risiken seien größtenteils eingetreten, erklärte die Brüsseler Behörde: „Die Turbulenzen auf dem Finanzmarkt haben sich verschärft, die Rohstoffpreise sind weiter angestiegen, und die Immobilienkrise hat weitere Märkte erfasst.“

Die Inflationsrate werde im Jahresdurchschnitt EU-weit voraussichtlich 3,8 Prozent erreichen, schätzt die Kommission. Für die Eurozone sagt sie eine Teuerungsrate von 3,6 Prozent voraus, das sind 0,5 Prozentpunkte mehr als in der Frühjahrsprognose.

Kurz vor der EU-Kommission hatte auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) seine Prognose für Deutschland gesenkt. Für das laufende dritte Quartal sagt Institut nun ein Minus von 0,1 Prozent zum Vorquartal voraus. Zuvor hatten die Berliner Forscher noch ein leichtes Plus von 0,1 Prozent prognostiziert. „Aus der schwarzen Null im August ist nun eine rote Null geworden“, sagte DIW-Konjunkturexperte Stefan Kooths.

Der Chef der Euro-Finanzminister Jean-Claude Juncker spricht von einer "sehr ernsten Lage". Die Konjunktur habe sich in den vergangenen Monaten deutlich abgeschwächt, sagte im Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel. „Ich sehe nicht das Risiko einer Rezession, auch wenn es eine technische Rezession geben kann.“ Die Lage seit jedoch ernst. Die Regierungen müssten versuchen, die negativen Folgen gering zu halten.

Schlechte Aussichten für die Industrie

Für Deutschland werden die Aussichten für die Industrie besonders schlecht eingeschätzt: Für das Produzierende Gewerbe sagt das DIW einen Rückgang um 1,5 Prozent vorher. „Hier schlägt sich nicht zuletzt die seit Monaten schwache Entwicklung der Auftragseingänge nieder.“ Die Dienstleistungssektoren sieht das Institut hingegen im Aufwind: Die unternehmensnahen Dienstleister dürften dabei um 0,6 Prozent zulegen, die öffentlichen und privaten Dienstleistungen um 0,2 Prozent. Bei Handel, Gaststätten und Verkehr erwartet das DIW einen Anstieg um 0,4 Prozent.

EU-Währungskommissar Joaquín Almunia rief die Mitgliedstaaten auf, in diesem „schwierigen und unsicheren Umfeld“ am Reformkurs festzuhalten. „Die seit einem Jahr andauernden Turbulenzen auf den Finanzmärkten, die Energiepreise, die sich in diesem Zeitraum fast verdoppelt haben und die Korrekturen auf einigen Immobilienmärkten haben Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt“, sagte Almunia. Allerdings habe das jüngste Sinken der Ölpreise sowie die Abschwächung des Euro für etwas Erleichterung gesorgt. „Europas Reform-Agenda voranzubringen ist entscheidend, um Arbeitsplätze zu schaffen und besser mit externen Schocks umzugehen.“ Das Vertrauen in die Finanzmärkte müsse wiederhergestellt und die öffentlichen Haushalte weiter saniert werden.

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