Euro-Zone drohen italienische Verhältnisse
... und kaum einer denkt an den Kater

Mit der Notenpresse finanziertes Wachstum, niedrige Zinsen ohne Rücksicht auf die Folgen - der Euro-Zone droht ein „italienisches“ Szenario. Der Euro als stabile Währung könnte überleben, aber nur zu einem hohen Preis.
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BerlinIn der Debatte um Lösungsstrategien für die europäische Schuldenkrise blickt die Politik gebannt auf die Europäische Zentralbank (EZB). Denn in der momentanen Lage scheint sie die einzige EU-Institution zu sein, die das Schlimmste, ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone, verhindern kann. Dass sie notfalls dazu bereit ist, hat unlängst EZB-Chef Mario Draghi deutlich gemacht, als er versicherte, die Zentralbank werde den Euro um jeden Preis verteidigen. Im Hilfe-Portfolio der EZB steht ganz oben der Ankauf von Staatsanleihen der Krisenstaaten.

Allein die bloße Ankündigung Draghis hat in Deutschland teils heftige Reaktionen ausgelöst. So titulierte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt den EZB-Chef im Zusammenhang mit dem Ankauf von Anleihen als "Falschmünzer". Scharfe Kritik äußerte Dobrindt auch an angeblichen Plänen Draghis, eine Zinsobergrenze für Staatsanleihen von Schuldenstaaten einzuführen. Eine solche wäre "höchst gefährlich" und "eine Premium-Einladung für Spekulanten, die Spekulation gegen einzelne Länder auf die Spitze zu treiben", sagte er der "Bild am Sonntag". Derzeit ruht das EZB-Programm zum Aufkauf von Anleihen. Ziel dabei ist es, dass Schuldenländer keine überhöhten Zinsen an Investoren zahlen müssen.

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kritisierte die Pläne. "Eine solche Politik ist für mich zu nah an einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse", sagte Weidmann dem "Spiegel". Wenn die Euro-Notenbanken Staatsanleihen einzelner Länder kauften, landeten die Papiere in der Bilanz des Eurosystems. Letztlich stünden dafür die Steuerzahler aller anderen Länder gerade.

Das sieht der frühere EZB-Chefvolkswirt, Jürgen Stark, nicht anders. Mit der Wiederaufnahme der Bondkäufe setze die Zentralbank nicht nur die Unabhängigkeit der Institution aufs Spiel, sondern riskiere auch eine höhere Inflation, schreibt Stark in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. “Die Rolle, in die sich die EZB zu begeben bereit scheint, wird die Zentralbank überfordern, wird ihre Unabhängigkeit von der Politik weiter erodieren lassen”, erklärte Stark. “Und letztlich wird die Zentralbank ihren Kernauftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten, nicht mehr erfüllen können. Es droht die Gefahr hoher Inflation - nicht heute, nicht morgen, aber mittel- bis langfristig.”

Der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, sieht sich durch die kritischen Äußerungen in seiner Annahme bestätigt, dass der Euro-Raum auch und vor allem wegen des expansiven Engagements der EZB  in den kommenden zwölf Monaten endgültig zur Haftungsunion mutieren werde – einer Währungsunion, die Ähnlichkeiten zum Italien der 70er und 80er Jahre aufweise. Krämer spricht daher von einer „italienischen Währungsunion“. In seinem Szenario erklärt er, welche Chancen für die Peripherieländer in einem solchen  Konstrukt liegen und welchen hohen Preis die anderen Euro-Länder dafür in Kauf nehmen müssten.

Kommentare zu " Euro-Zone drohen italienische Verhältnisse: ... und kaum einer denkt an den Kater"

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  • LIVE(?) aus der Euro-Zone:

    http://dynip.name/20120830-1110-der-mann-ohne-eigenschaften.jpg

    (warum muß ich jetzt nur an robert musil und an keith haring http://www.haring.com/ denken)

    Die Wahrscheinlichkeit fast genau vor meiner Haustür von einer Straßenbahn überfahren zu werden ist zwar leichtt (Innenstadt, Straßenkreuzung) aber eben – meiner Einschätzung nach – nicht wirklich erhöht.

  • Wartet nur, bis Euch alle Angela erwischt mit Euerem ewigen Gemotze über diese hervorragende Währung. Hier darf nicht gegen den Euro gestänkert werden. Hier heißt es wieder mal: Demokratie abschaffen, Klappe halten und sehenden Auges in den Untergang....woran erinnert mich das jetzt?? ;-)

  • Mario Draghi ist eben Italiener und hat das Bankgeschäft bei Goldman Sachs gelernt in einer Zeit des Alan Greenspan: Konjunkturen und Krisen sind lediglich eine Frage der Geldmenge, don´t worry about that. Das macht Draghi und mehr kann er nicht. Aber es steht auch kein anderer zur Verfügung. Und über eines muß sich die europäische Gemeinschaft mal Klarheit verschaffen: Die Entscheidung von 1998, politische europäische Union und Währungsunion zu koppeln, führt ohne Angleichung der Strukturen zwangsläufig in die Inflation und zum Währungszusammenbruch. Wie sagte seinerzeit Jaques Chirac? Das größte währungspolitische Abenteuer aller Zeiten sei das!! Damit stand er, mit wenigen noch mit ökonomischer Vernunft gesegneten, ziemlich alleine da. Und wenn Mario Draghi das Problem, das man völlig unterschiedlichen wirtschaftlichen und finanziellen Strukturen ruhig eine Einheitswährung überstülpen kann, nunmehr löst, dann hat er mehr als die Quadratur eines Kreises geschafft. Die wirklich Schuldigen sitzen uns eigentlich heute mit dicken Pensionen im Nacken und quatschen auch noch dummes Zeug am laufenden Band, wie der Demenzkanzler Helmuth Schmidt, der seinerzeit lieber Direktor des Hamburger Wasserbauamtes hätte werden sollen als Bundeskanzler. Aber wir alle sitzen ja nicht zu Unrecht mit im untergehenden Boot, denn wir haben diesen Leuten unsere Stimmen gegeben und – Hand aufs Herz – die Meisten von uns haben doch damals auch geglaubt, so eine Währungsunion sei doch eine schicke Sache, weil sie uns vom lästigen Währungsumtausch im Urlaub befreit: Das Menschenpack fürchtet sich vor nichts mehr als vor dem Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist, meinte Goethe im 18. Jhd. Ein Satz mit fortdauernder Wirkung?

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