Europäische Forschergruppe legt Gutachten vor
Studie: Mehr Jobs durch längere Arbeitszeiten

Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich kann nach Ansicht führender europäischer Ökonomen unter bestimmten Umständen bereits kurzfristig zu mehr Arbeitsplätzen führen.

DÜSSELDORF. „Längeren Arbeitszeiten bei gleicher Bezahlung haben auch auf kurze Sicht positive Beschäftigungseffekte, wenn sie zu einer hinreichend großen Verlängerung der Maschinenlaufzeiten und damit zu einer besseren Auslastung des Kapitalstocks führen“, heißt es im neuen Jahresgutachten der European Economic Advisory Group (EEAG). Dieser länderübergreifende Sachverständigenrat europäischer Wirtschaftswissenschaftler wurde im Jahr 2002 vom internationalen Forschernetzwerk CES-Ifo initiiert. Heute präsentieren die acht Ökonomen aus sieben Ländern in Brüssel ihren vierten „Report on the European Economy“, der dem Handelsblatt bereits vorliegt .

In Bezug auf die ökonomischen Effekte längerer Arbeitszeiten widerspricht die Beratergruppe dem deutschen Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dieser hatte im November 2004 die unmittelbaren Beschäftigungseffekte von Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich skeptisch beurteilt: „In einer kurzfristigen Sichtweise führt eine Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit zu einem Abbau von Überstunden (...) und zu einer zeitlichen Verschiebung von Neueinstellungen und vereinzelt auch zu Entlassungen“, schrieben die Wirtschaftsweisen in ihrem Jahresgutachten 2004/05. Positive Beschäftigungseffekte seien erst mittelfristig zu erwarten. Zudem seien diese vermutlich eher gering, weil „ein beträchtlicher Teil der gestiegenen Arbeitsnachfrage schon von den bereits Beschäftigten auf Grund ihrer verlängerten Arbeitszeit abgeleistet wird“.

Die EEAG-Ökonomen, die dem Thema in ihrem Jahresbericht 2005 ein eigenes Kapitel gewidmet haben, kommen zu einem positiveren Fazit. Längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich seien ein „bequemer Weg zur Senkung der Stundenlöhne“. So entspreche ein Anstieg der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden bei unverändertem Lohn einer Senkung der Stundenlöhne um 12,5 Prozent – ohne dass die Betroffenen gleichzeitig eine Einkommenseinbuße erleiden müssten.

Bereits kurzfristig hätten längere Arbeitszeiten bei unveränderter Bezahlung positive Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: „Es ist eindeutig, dass dann die gesamte Zahl der geleisteten Arbeitsstunden – und damit der Output – steigt“, heißt es in dem Bericht. Die Auswirkungen auf die Zahl der Beschäftigten hingen dagegen von der individuellen Situation des jeweiligen Unternehmens ab. „Wenn die Alternative lautet, die Produktionseinrichtung ganz zu schließen und ins Ausland zu verlagern, sind die Beschäftigungseffekte per definitionem positiv.“ Das Gleiche gelte, wenn durch die längeren Arbeitszeiten die Maschinenlaufzeiten steigen und damit der Auslastungsgrad des Kapitalstocks zunimmt. „Dies kann als einer der wichtigsten Vorteile von längeren Arbeitszeiten angesehen werden“, schreiben die acht Ökonomen – der Effekt sei ein Produktionsanstieg wie bei einer Erhöhung der Kapitalintensität. In Firmen, wo es im Zuge längerer Arbeitszeiten nicht zu einer intensiveren Auslastung des Kapitalstocks komme, seien dagegen kurzfristig auch negative Beschäftigungseffekte möglich. „Niedrigere Lohnkosten pro Stunde machen es aber auch für solche Firmen profitabel, ihren Output zu erhöhen“, heißt es in dem Papier.

Die langfristigen Folgen von längeren Arbeitszeiten bei unveränderten Löhnen hängen nach Ansicht der EEAG davon ab, welche Rückwirkungen auf die zukünftige Lohnpolitik sich daraus ergeben. Dazu gebe es bislang zwar keine sicheren Erkenntnisse. „Aber es existiert die Vermutung, dass längere Arbeitszeiten zu einer moderateren Lohnpolitik führen würden. Wenn dies so ist, sollte man davon auf Dauer positive Beschäftigungseffekte erwarten.“

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