Europäische Zentralbank
Angst vor dem starken Mann

Europäische Zentralbank und Bundesbank müssen mit dem Wechsel von Jürgen Stark zur EZB die Aufgaben in ihren Spitzengremien neu verteilen. Bei der EZB dreht sich alles um die Frage, wer den ausgeschiedenen Chefvolkswirt Otmar Issing beerbt.

FRANKFURT. In der Europäischen Zentralbank (EZB) wird ab heute um eine personelle Weichenstellung gerungen, die in ihrer Bedeutung nur vom Wechsel der Präsidentschaft übertroffen wird. Denn der ehemalige Bundesbankvorstand Jürgen Stark tritt heute sein Amt als Nachfolger Otmar Issings im EZB-Direktorium an. Damit verbunden ist eine umfangreiche Neuorganisation der Zuständigkeiten im Führungsgremium der EZB.

Obwohl Deutschland mit dem Antritt Starks einen Stammplatz in der EZB-Spitze durchgesetzt hat, gilt es als unwahrscheinlich, dass dieser auch in Issings Rolle als starker Mann im Hintergrund schlüpfen kann. Denn im EZB-Direktorium, das autonom über die Zuständigkeitsverteilung entscheidet, hat Stark kaum Verbündete. Die Bundesregierung macht sich daher allem Anschein nach wenig Illusionen, ihm zu einer einflussreichen Aufgabe im Führungsgremium der Notenbank verhelfen zu können. Der deutsche Einfluss auf die Geldpolitik der EZB würde damit deutlich kleiner.

Der große Preis, auf den alle Direktoriumsmitglieder bei der Neuverteilung der Aufgaben aus sind, ist das Amt des Chefvolkswirts, eines Titels, den es offiziell gar nicht gibt. Presse und Öffentlichkeit gaben ihn Issing, weil er die Generaldirektion Volkswirtschaft in seinem Verantwortungsbereich hatte – die mit Abstand wichtigste Abteilung der EZB – und daneben auch noch die Generaldirektion Forschung. In dieser Funktion formulierte Issing in den vergangenen Jahren die geldpolitische Zwei-Säulen-Strategie der EZB. Er präsentierte im EZB-Rat, der über den Leitzins entscheidet, monatlich die volkswirtschaftliche Lageanalyse und den Vorschlag für eine Zinsentscheidung. Als früherer Chefvolkswirt der Bundesbank sorgte er dafür, dass die EZB das stabilitätspolitische Renommee und die monetäre Ausrichtung der Bundesbank erbte.

Kandidatenmangel

Einen Kandidaten, der auf Grund überragender volkswirtschaftlicher Qualifikation offensichtlich prädestiniert wäre, in die Fußstapfen Issings als Chefvolkswirt zu treten, gibt es derzeit nicht im Direktorium der Notenbank.

Dennoch geht EZB-Vize Lucas Papademos auf Grund seiner Biografie als leichter Favorit ins Rennen. Er bringt die meiste internationale und wissenschaftliche Erfahrung mit, auch wenn diese schon lange zurückliegt. Er wurde in den USA ausgebildet und lehrte, bevor er ab 1985 zur Bank von Griechenland ging und dort später Präsident wurde, sieben Jahre lang an der New Yorker Columbia University. Stark hat zwar auch in Ökonomie promoviert, machte seine Karriere jedoch in Regierung und Bundesbank und hat nicht nennenswert wissenschaftlich gearbeitet. Er war als Staatssekretär im Finanzministerium einer der Architekten des Stabilitäts- und Wachstumspakts, den er bis heute mit Vehemenz verteidigt. Als Bundesbank-Vize war er zuständig für internationale Beziehungen.

Auch aus anderen Gründen dürfte Stark schlechtere Karten im EZB-internen Machtkampf haben: Er tritt sein Amt unter ganz anderen Vorzeichen an als Issing. Deutschland gab Ende der 90er-Jahre für die Währungsunion am meisten geldpolitische Macht auf und hatte deshalb in der Gründungsphase der EZB eine sehr starke Stellung. Der erste EZB-Präsident, der Niederländer Willem Duisenberg, galt als deutscher Wunschkandidat. Issing bekam die längste Amtszeit unter den damals berufenen Direktoriumsmitgliedern zugesprochen. Die ersten Jahre der EZB waren denn auch stark deutsch-niederländisch dominiert. Präsident, Chefvolkswirt, Kommunikationschef, der Leiter der Generaldirektion Volkswirtschaft und der Direktion Geldpolitik waren Deutsche oder Niederländer. Ebenso der Leiter der Direktion Wirtschaftliche Entwicklung.

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