Exit-Strategie
Wie die EZB den Ausstieg einleitet

Die Europäische Zentralbank wird am Donnerstag den Rahmen für ihren Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes abstecken - ein Drahtseilakt für alle Marktteilnehmer. Die einzelnen Schritte im Überblick.
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HB FRANKFURT. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird am Donnerstag den Rahmen für ihren Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes abstecken. Sie hat wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise die Finanzmärkte geflutet und muss dieses Geld nun Schritt für Schritt wieder einsammeln, wenn sie in den kommenden Monaten und Jahren keinen Schub der Inflation oder neue Exzesse an den Märkten riskieren will. Im Zentrum des "Exits" stehen die langlaufenden Refinanzierungsoperationen der EZB am Geldmarkt und ihr Vorgehen bei der Zuteilung von Zentralbankgeld an die Geschäftsbanken in der Euro-Zone:

Das Ende der Jahrestender scheint besiegelt:

Notenbank-Chef Jean-Claude Trichet hat bereits nach der November-Sitzung des EZB-Rats mehr oder weniger klar gemacht, dass die zur Jahresmitte eingeführten für ein Jahr laufenden Refinanzierungsgeschäfte der Notenbank mit den Geschäftsbanken ein Auslaufmodell sind. Sie waren eingeführt worden, damit sich die Banken für einen längeren Zeitraum zu einem niedrigen und zugleich sicheren Zins bei der EZB refinanzieren können. Die Banken machten reichlich Gebrauch von dieser in der Geschichte der Währungsunion noch nie dagewesenen Möglichkeit. Beim ersten derartigen Tender im Juni besorgten sich die Banken in der Euro-Zone bei der EZB die schier unvorstellbare Summe von 442 Milliarden Euro. Doch mit zunehmender Verbesserung der Lage am Geldmarkt nahm die Nachfrage ab. Bereits im September riefen die Banken "nur noch" gut 75 Milliarden Euro in Frankfurt ab. Beim dritten Geschäft Mitte Dezember könnte die Nachfrage zwar wieder anziehen, doch dürften dies eher Mitnahmeeffekte sein. Echter Bedarf für die Jahrestender, darin sind sich viele Experten einig, besteht derzeit nicht mehr. Die Finanzbrücke für viele Banken während harter Krisenmonate hat ausgedient, zumal sie ja noch bis Ende kommenden Jahres trägt.

Kommt ein Aufschlag beim letzten Jahrestender?

Offen bleibt noch bis Donnerstag die Frage, ob die EZB beim letzten Jahrestender einen Aufschlag erheben wird oder nicht. Sie hat dies nie ausgeschlossen, die meisten Analysten glauben jedoch, dass sie auch beim dritten Gang der Banken zur Tränke ihre Liquidität zum rekordniedrigen Leitzins von einem Prozent abgeben wird. Sollte der EZB-Rat allen Erwartungen zum Trotz am Donnerstag dennoch einen Aufschlag beschließen, könnte dies an den Finanzmärkten als indirekter Hinweis auf Zinserhöhungen in einem Jahr verstanden wissen. Da die EZB jedoch streng darauf achtet, sich geldpolitisch nicht vorab festzulegen, ist diese Variante eher unwahrscheinlich. Auch eine Indexierung nach dem Vorbild der schwedischen Riksbank gilt als unwahrscheinlich. Dabei würde die EZB den Zins auf den Jahres-Tender an einen Geldmarktsatz, zum Beispiel den 12-Monats-Euribor, koppeln. Sie hatte jedoch schon bei der Ankündigung der Jahrestender erklärt, dass diese zum Festzins angeboten würden. Gleichwohl hatte Notenbankchef Trichet kürzlich keine der genannten Varianten ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Zukunft der weiteren Refinanzierungsoptionen:

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hat die EZB abgesehen von ihrem Standardrepertoire an Geldmarktgeschäften noch zahlreiche weitere Tender ins Programm aufgenommen. Während sich die Banken vor der Krise lediglich beim Hauptrefinanzierungsgeschäft einmal pro Woche und dann noch alle drei Monate mit Zentralbankgeld eindecken konnten, ist dies aktuell zusätzlich für einen und für sechs Monate möglich. Die EZB wird, da sind sich die Experten sicher, in den kommenden Monaten Schritt für Schritt auf solche Extra-Tender verzichten. Endziel ist die Rückkehr zum liquiditätspolitischen Handlungsrahmen wie er vor Beginn der Turbulenzen galt.

Die Frage nach der Zuteilungspolitik der EZB:

"Kindergarten-Tender" hat Bundesbank-Präsident Axel Weber einmal die derzeitige Praxis der Notenbank genannt. Auf deutsch: Die EZB gibt den Banken immer so viel Geld, wie sie wollen. Vor der Krise war das anders: Die Banken standen im Wettbewerb um das Geld der Notenbank. Diese bot eine bestimmte Summe an und die Banken mussten erklären, welchen Aufschlag auf den Leitzins sie zu berappen bereit waren. Mittel- bis langfristig will die EZB wieder zu diesem so genannten Zinstender zurückkehren. Wann sie es tut, ist derzeit völlig offen. Eine Verlängerung der Vollzuteilung bis über das Ende des zweiten Quartals hinaus könnte jedoch mögliche Verwerfungen bei Fälligkeit des ersten Jahrestenders Ende Juni 2010 abfedern helfen. Auf diese Weise würde verhindert, dass Banken dann auf dem Trockenen sitzen.

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