Exitstrategie
IWF sucht Strategie für Zeit nach Krise

Schnell und mit viel Geld soll der Internationale Währungsfonds (IWF) notleidenden Ländern helfen. Doch mehr noch sorgt sich der Fonds bereits darum, wie nach dem Ende der Krise ein Ausstieg aus den enormen staatlichen Hilfsprogrammen gelingen kann.

WASHINGTON. Das Ringen um die „Exitstrategie“ war deshalb ein zentrales Element der Diskussionen auf der Frühjahrstagung des IWF in Washington. „Alle sind glücklich damit, was zur Stützung der Konjunktur unternommen wird“, sagte IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn zum Ende der Tagung am Sonntag. Doch es gebe Differenzen darüber, wie man sich auf die Zeit nach der Krise vorbereiten solle. „Manche möchten das Thema vertagen, aber wir glauben, dass man eine Exitstrategie so schnell wie möglich entwickeln sollte.“ Dahinter steht die Befürchtung, dass es zu einer Überhitzung der Volkswirtschaften kommen könnte, wenn die Milliarden, die derzeit in das Finanzsystem gepumpt werden, nicht zum richtigen Zeitpunkt auch wieder dem Kreislauf entzogen werden. Strauss-Kahn forderte die Länder deshalb auf, drei bis vier Jahre im voraus zu planen.

Doch zahlreiche Länder, die in diesem Jahr erstmals mit voller Wucht die Konsequenzen der Krise zu spüren bekommen werden, mochten sich nicht so gern mit der ferneren Zukunft beschäftigen. Vielmehr beschloss das Lenkungsgremium des IWF, der IMFC, die Kriegskasse des IWF zügig mit 250 Mrd. Dollar aufzufüllen, um Krisenländern sofort unter die Arme greifen zu können. Das ist die Hälfte jener Summe, die auf dem G 20-Gipfel in London Anfang des Monats als zusätzliche Mittel für den IWF beschlossen wurde.

Die Aufstockung der Mittel um eine zweite, gleichgroße Tranche, soll später erfolgen. Dabei wird auch überlegt, das Geld durch die Ausgabe einer IWF-Anleihe einzutreiben. Brasilien, Russland, Indien und China hatten zum Auftakt der Tagung darüber beraten, zu welchen Konditionen eine solche Anleihe auf den Markt kommen könnte. Diese Länder kommen auch als Käufer einer IWF-Schuldverschreibung in Betracht. Sie versprechen sich über ein Engagement bei den Anleihen, künftig stärkeren Einfluss auf die Geschicke des Fonds ausüben zu können. Alleine Peking könnte Anleihen im Wert von rund 40 Mrd. Dollar erwerben. Das IWF-Papier soll Zentralbanken, nicht Einzelpersonen, zum Kauf angeboten werden. Der Zins werde sich wohl an dem Niveau von US-Staatsanleihen orientieren, hieß es.

Strauss-Kahn hatte in Washington erneut deutlich gemacht, wie sehr eine Reinigung der Bankenbilanzen von vergifteten Krediten Voraussetzung für eine konjunkturelle Erholung sei. Allerdings äußerten insbesondere die Europäer Zweifel an den jüngsten Zahlen des Fonds. Der IWF hatte vergangene Woche die Verluste durch faule Aktiva für die USA, Europa und Japan auf über vier Billionen Dollar taxiert. Dabei müssten die Banken in der Eurozone bis Ende 2010 rund 550 Mrd. Dollar abschreiben. Sowohl EZB-Chef Jean-Claude Trichet wie auch die französische Finanzministerin Christine Lagarde zweifelten an der Berechnungsmethode, die der IWF bei seinen Kalkulationen verwendet.

Der IWF erlebt derzeit einen erheblichen Bedeutungszuwachs. Bis zum Beginn der Finanzkrise war der Fonds auf die Rolle eines mehr oder weniger geschätzten Ratgebers reduziert, der als Geldverleiher kaum noch gebraucht wurde. Jetzt wurde der Fonds jedoch nicht nur mit erheblich mehr Kapital ausgestattet. Selbst die USA stimmten zu, dass der IWF die globalen Finanzsysteme – einschließlich des amerikanischen – analysieren und bewerten solle. Gleichzeitig hat der Fonds seine Kriterien für die Vergabe von Krediten deutlich gelockert. „Wir befinden uns tatsächlich in einer neuen Zeit“, sagte Strauss-Kahn.

Hinter den Kulissen sehen zahlreiche Mitglieder durch die Neuausrichtung des Fonds aber auch eine drohende Verschiebung der Gewichte innerhalb des IWF. So hat etwa die Schweiz signalisiert, dass sie nicht auf einen Sitz im Führungsgremium des IWF verzichten wolle – schließlich werde sie mit rund zehn Mrd. Dollar zur Aufstockung der IWF-Kasse beitragen. Seit Jahren wird darüber diskutiert, die Anzahl der Sitze der Industriestaaten zu Gunsten der Schwellenländer zu reduzieren.

Eine Reform der Stimmrechte wurde ursprünglich für 2015 angestrebt, könnte nun aber auch früher erfolgen. Europa stellt derzeit acht der 24 Sitze in den IWF-Gremien. Vor allem China und die USA wollen dies mit Hinweis auf die Verschiebungen in der Weltwirtschaft ändern. Die USA selbst zeigen indes wenig Neigung, ihren 17-Prozent-Anteil beim IWF herunterzufahren. Da die wichtigen Entscheidungen beim Fonds mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden müssen, verschafft ihnen ihr Anteil de factoeine Sperrminorität.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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